Zypern zittert: Ihr löscht das Feuer mit Benzin

Wütende Sparer haben am Wochenende die Geldautomaten auf der Mittelmeerinsel Zypern gestürmt. Die Schilderungen der dortigen Zustände wecken in mir Erinnerungen an die Herstatt-Pleite 1973 in Köln.

Sparsame Zyprioten verlieren ihr geld geradezu über Nacht. Über das Wochenende werden von ihren Guthaben 6,75 Prozent als Abgabe zur Bankenrettung abgezogen. Großanleger mit mehr als 100.000 Euro Guthaben müssen sogar 9,99 Prozent ihres Sparvolumens abführen.

Diese einschneidenden Maßnahmen hatten die Finanzminister der Euro-Zone dem zyprischen Präsidenten Nikos Anastasiadis als Bedingung für Kohle aus Brüssel aufs Auge gedrückt. Dadurch wollten sie den Rettungskredit der Europäischen Union (EU) für Zypern und seine maroden Banken auf 10 Milliarden Euro begrenzen.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz forderte indes eine Freistellung von Guthaben unter 25.000 Euro. In diese Richtung will angesichts des heftigen öffentlichen Drucks auch Anastasiadis Nachverhandeln.

Besorgte Bürger Zyperns bangen nun um ihre Ersparnisse. Für viele geht es um die wirtschaftliche Existenz. Sie fürchten, die Zeche zahlen zu müssen für Fehlspekulationen großkotziger Bankmanager.

Eine ähnliche Geschichte hat sich schon vor 40 Jahren in Deutschland zugetragen. Mit betrügerischen Devisenspekulationen hatte Anfang der 70er Jahre die Kölner Herstatt-Bank ein Mehrfaches ihres Eigenkapitals verzockt.

Chef-Devisenhändler Dani Dattel und seine sogenannten „Gold-Jungs“ hatten auf Kursgewinne des Dollars gewettet. Tatsächlich sank der Wert der USS-Währung nach der Ölkrise 1973 jedoch dramatisch.

Am 26. Juni 1973 verkündete Bankier Ivan D. Herstatt das wahre Ausmaß des Desasters. Noch im Mai war die Schieflage der Privatbank in Revisionsberichten nicht offenbart worden.

Nach Bekanntwerden der drohenden Insolvenz kam es am 27. Juni 1973 vor dem Bankgebäude in Köln zu wütenden protesten empörter Sparer. Sie fürchteten um ihr Erspartes, da die Verbindlichkeiten der Privatbank den Wert ihres Stammkapitals weit überstiegen.

In zähen Verhandlungen lenkte schließlich der Herstatt-Haupteigentümer Hans Gerling ein. 51 Prozent seines Versicherungskonzerns musste er verkaufen, um damit die Gläubiger wenigstens teilweise abzufinden.

Folge der Herstatt-Pleite war die Einrichtung eines „Feuerwehrfonds“ der deutschen Banken. Er sollte die Einlagen der Kleinsparer absichern und so verlorenes Vertrauen in die Banken zurückgewinnen.

Eine weitere Folge war die Änderung der gesetzlichen Regelungen zur Bankenaufsicht. Hatte der Bundesgerichtshof (BGH) die Aufsichtsbehörde noch für die – den Kunden entstandenen – Schäden haftbar gemacht, so führte die Gesetzesänderung zu einer völligen Freistellung des Staates von jeglicher Haftung.

Welche Auswirkungen die Entscheidung der EU-Finanzminister zu Zypern haben wird, ist derzeit kaum abzusehen. Sehr wahrscheinlich ist aber, dass der geplante Aderlass der Sparer das Vertrauen in die Banken und in die Sicherheit von Guthaben nachhaltig erschüttern wird.

„Ihr löscht das Feuer mit Benzin“, sang einst der Liedermacher Wolf Biermann. Bei der geplanten Bankenrettung in Zypern komt der Eindruck auf, die sogenannten „Experten“ der EU verführen nach der Devise „Rette sich, wer kann!“.

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2 Kommentare zu “Zypern zittert: Ihr löscht das Feuer mit Benzin

  1. Grundsätzlich finde ich die Idee, dass zumindest die Wohlhabenden sich beteiligen müssen, nicht schlecht. Die Frage ist für mich, ob die Beteiligung nur für normale Sparer gilt, oder auch für die Besitzer von Anleihen, die Inhaber von Depots und ähnlichem. Kleine und mittelständische Bürger und Unternehmen sollten unbedingt freigestellt werden. Aber ich denke noch.

  2. Gruess Gott, da bin ich wieder… 🙂
    ===

    … und jetzt stelle man sich vor, dass das Bargeld abgeschafft wurde und alles nur noch mit Plastik bezahlt werden kann. Egal wieviel man den Leuten in Zypern letztendlich klaut, bei naechstbester Gelegenheit wird man zusehen seine Restzettel in Sicherheit zu bringen. Mit Plastik waere das aber nicht moeglich. Also, da koennte man ja auch eigentlich 10 oder 20 Prozent abknoepfen – kann der Poebel doch eh nix gegen machen – und so.
    ===
    Ich weiss nicht ob man folgendes so aehnlich drehen koennte, der Gedanke sei aber mal ausgesprochen:
    1. Donnerstags verkuendet man lautstark in den deutschen Medien, dass man die Bankguthaben um, naja, 50 Prozent erleichtern will… nein, alternativlos muss natuerlich.
    2. Freitags rennen alle zur Bank und heben ihre Kohle ab. Es wurde auch schon fleissig vorgedruckt, sodass jeder seine Zettel bekommt. Geschaefte sind allerdings wegen Chaos geschlossen.
    3. Samstags wird dann gejammert „Bankrun! Bankrun!“ und „Zusammenbruch!“ und „Akutloesung!“.
    4. Sonntag wird dann der alternativlose Sofortausstieg aus dem Euro beschlossen, fuer den man gluecklicherweise dank Expertenrat schon vorbereitet ist. Es kommt die DM2.0, die allerdings und nebenbei nicht DM, sondern Trulla Schaeubling kurz TS heissen wird.
    5. Montag sind die Banken geschlossen, weil die Trulla-Schaeubling-Scheine erst rangekarrt werden muessen. Unterdessen laufen weiter wichtige Analysen und Debatten und man kommt zu dem Schluss, dass
    6. am Dienstag folgender Umtauschkurs gilt:
    1 Euro zu 1 Trulla Schaeubling, allerdings nur fuer Bankguthaben.
    Fuer Bargeld gilt 1 Euro zu 0 Trulla Schaeubling.
    Fuer die Sicherheit im Inneren ist gesorgt.
    Ausserdem koennte man auf diesem Wege auch gleich das Plastikgeld einfuehren mit einem Bargeldumtauschkurs von 1 Euro zu 0,25 Trulla Schaeubling. Bevor man also gar nix hat, nimmt man doch vielleicht lieber das Plastik usw.
    Ja ja, da lacht sich der Finanzfachmann mitleidig den Ast; mir geht manchmal die Phantasie durch….
    Moralisch traue ich denen das aber allemal zu.

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