Endstation Argelanderstraße: Meine persönliche Bonner Durchmusterung

Diese Geschichte ist nur wenige Jahre jünger als ich. Selbst kann ich mich gar nicht daran erinnern. Aber meine Eltern und Geschwister haben sie mir öfter erzählt.

Gefallen ist meine denkwürdige Äußerung auf einer Busfahrt in Bonn. Mit der Linie 24 fuhr ich Ende der 50er Jahre vom Bahnhof in die Südstadt.

Wer sich richtig gut auskennt mit alten Bussen, der wird wahrscheinlich schon anerkennend aufhorchen bei der Nennung des Fahrzeugs, in dem das Ganze geschehen ist. Es war ein Fahrzeug der Marke Büssing vom Typ 6500 T. Der Aufbau stammte von der Niedersächsischen Waggonfabrik Josef Graf GmbH in Elze bei Hannover.

Diese selbsttragenden Karosserien waren Anfang und Mitte der 50er Jahre der letzte Schrei. In Bonn waren fünf derartige Busse im Einsatz.

Ein Schaffner saß im Heck über der Hinterachse. Vor ihm befand sich ein kleiner Verkaufstisch, an dem die Fahrgäste vorbeigehen mussten ins Wageninnere. Hielt der Bus an einer Haltestelle, dann stiegen die Leute zunächst ein auf eine annähernd quadratische Plattform im Heck des Busses.

Der Busfahrer steuerte das zwölf Meter lange Fahrzeug durch die engen Straßen der Bonner Südstadt. Das erforderte vollste Konzentration. Die Haltestellen musste deshalb der Schaffner ausrufen.

„Argelanderstraße“, rief er. An dieser Station mussten wir aussteigen. Dort wohnten wir; aber es war ohnehin die Endhaltestelle der Buslinie 24.

„Warum heißt das Argelanderstraße“, wollte mein älterer Bruder von meinen Eltern wissen. Doch sie konnten ihm keine Antwort geben.

Sie wussten damals nicht, dass Friedrich Wilhelm August Argelander (1799 –
1875) nicht nur ein bedeutender Astronom und der Urheber der „Bonner Durchmusterung“ des Sternenhimmels gewesen war, sondern auch ein Jugendfreund des preußischen Prinzen und späteren Kaisers Friedrich Wilhelm IV. Diese persönliche Nähe zur Macht verhalf Argelander dann wohl auch zu seiner Berufung vom finnischen Helsingfors nach Bonn. Dort erhielt er auch Besuch von seinem blaublütigen Freund.

Einer jungen Marktfrau verhalf eine noch engere Nähe zum der preußischen Prinzen sogar zu einer Villa an der Trierer Straße. Der unvergessene Kölner Mundart-Dichter Willi Ostermann besang die großzügige Abfindung der jungen Bonner Marktfrau Sybille Schmitz für nicht standesgemäße Liebesdienste in seinem Couplet „Ett hätt datt Schmitze Billa in Poppelsdorf enn Villa“.

All das wussten meine Eltern damals warhscheinlich noch nicht. Jedenfalls erhielt mein älterer Bruder keine Antwort auf die Frage nach dem Namen „Argelanderstraße“.

Ich kleiner Knirps indes mit meinen fünf Jahren hatte sofort eine Idee: „Die Argelanderstraße heißt so, weil sie arg lang ist.“

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