Geld her oder das ruhige Leben: Crowdsourcing sprießt wie Unkraut aus dem virtuellen Boden

Ein neues Wundermittel zieht Kreise. Überall im Internet sprießen nun Projekte aus dem Boden, die sich mit seiner Hilfe finanzieren möchten.

So viel Geld kann es jedoch gar nicht geben, wie da erwartet wird. Die vielen „Crowdfunder“ spekulieren auf eine gutmütige Großzügigkeit, der sie mit ihrer inflationären Verbreitung selbst gerade den Garaus machen.

Früher nannte man dieses Vorgehen auf gut Deutsch „betteln“. Etwas weniger anrüchig war der klappernde Klingelbeutel, mit dem der Küster in der Kirche herumging.

„Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt.“ Diese himmelwärts gerichtete Versicherungsmentalität geißelte vor fast 500 Jahren schon der Reformator Martin Luther scharf.

Ein halbes Jahrtausend später soll die Seele ihre Ruhe erlangen, indem sie dem guten Zweck unter einem denglischen Deckmäntelchen zu wirtschaftlichem Wachstum verhilft. „Crowdsourcing“ klingt allerdings fast zum Verwechseln ähnlich wie „Outsourcing“. Darunter versteht der „modern(d)e“ Manager die verschiedensten Formen schlecht entlohnter Leiharbeit.

Etwas Ähnliches wie Leiharbeit kommt auch als „Crowdsourcing“ daher: Einige arbeiten an irgendwelchen Vorhaben, die andere bezahlen sollen. Doch dabei gilt nicht die alte Erkenntnis: „Wer bestellt, zahlt die Musik.“

Zahlen sollen möglichst viele einen kleineren Betrag. Das ist „Sponsoring“ für weniger vermögende Spender.

„Wer nicht handeln will, muss zahlen.“ So etwa könnte man die neue Masche der Projektfinanzierung beschreiben. Jedenfalls appelliert sie meist mit viel wohltönendem Selbstlob an das schlechte Gewissen der Menschen.

Diese Zielgruppe nennt sie verächtlich „Crowd“. Fast wäre der Sprachspieler versucht, dieses Wort mit einer angehängten Vorsile mit „Unkraut“ zu assoziieren.

Tatsächlich ist die „Crowd“ indes jene Menge unkontrolliert aus dem Boden schießender Geldgeier, die den virtuellen oder publizistischen Klingelbeutel herumgehen lassen. Oder sollte man sie „klaut“ nennen?

Jedenfalls ist diese Mode sicherlich eine vorübergehende Erscheinung, die ebenso schnell wieder weg ist wie der Klingelbeutel im ebenso gut beweihräucherten Gottesdienst. Es sind einfach zu viele Opferstöcke aufgestellt für die wenigen wohlmeinenden Menschen!

Almählich nerven die andauernd daherkommenden Aufrufe der zahlreichen „Crowdfunder“ zu neuen „Crowdsourcing“-Aktionen. Trösten mag da ein alter Spruch des britischen Dichters Oscar Wilde: „Die Mode ist so schrecklich, dass sie jedes halbe Jahr durch eine andere ersetzt werden muss!“

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3 Kommentare zu “Geld her oder das ruhige Leben: Crowdsourcing sprießt wie Unkraut aus dem virtuellen Boden

  1. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir zustimme. Die Leute, die da Projekte anfangen, sind zum Teil eben nicht besonders vermögend, und es kommen, zumindest in den USA, ganz interessante Projekte dabei heraus. Wissenschaftler ohne Förderung finanzierren sich Studien damit, Startup-Projekte ebenfalls. Und die Leute, die das mitfinanzieren, haben meistens ein Interesse dran.

  2. Ich würde das Prinzip Crowdfunding auch nicht so negativ abtun. Sicher gibt es auch hier schwarze Schafe, die auf den schnell verdienten Euro hoffen. Daher kann man jedem Sponsor nur raten, das Projekt vorab unter die Lupe zu nehmen und sich nur zu beteiligen, wenn man selbst ein gutes Gefühl dabei hat.

    • Grundsätzlich habe ich nichts gegen Crowdfounding. Aber wogegen ich etwas habe, ist die plötzlich grassierende Verbreitung auch in Bereichen, die nicht unbedingt von allgemeinem Nutzen sind. Diese Mode führt dazu, dass wirklich wichtige Projekte es immer schwerer haben, noch Geld zu bekommen. Die Massen von Klingelbeuteln graben sich gegenseitig das Wasser ab. Im Übrigen gab es das alles schon auf anderen Ebenen unter anderen Namen. Mich stört auch dieser Anglizismus. fjh [end]

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