Ungebeugt und unverständlich: Kein Respekt mehr vor der Mutter Deutsch

In ihren jungen Jahren war sie eine gefeierte Muse. Inzwischen ist sie älter geworden; doch immer noch ist sie wunderschön.

Die bedeutendsten Dichter haben ihr gehuldigt. Kaiser und Könige kamen an ihr nicht vorbei. Doch viele Leute betrachten die deutsche Sprache heute als lästiges Relikt alter Zeit.

Gotthold Ephraim Lessing und Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe und Heinrich von Kleist haben sie geliebt. Heinrich Heine hat mit ihr zusammen bissige Satiren spitzzüngig verbreitet. Theodor Fontane und Theodor Storm sowie Gottfried Keller haben mit ihr lebendige Bilder bunt ausgemalt.

Bertolt Brecht hat sie auf die Bühne geholt. Erich Kästner hat mit ihr Generationen von Kindern Geschichten erzählt.

Paul Celan hat mit ihr morgens Milchkaffee getrunken. Wolfgang Borchert beschrieb ihr eindringlich die übrig gebliebene Küchenuhr.

Auch die Nazis wollten mit ihr anbandeln. Doch mit ihrem Latein waren sie bald am Ende, als sie die Nase „Gesichtserker“ nannten.

Viktor Klemperer sammelte diese Schmähungen. „Lingua Tertii Imperii“ (LTI) nannte er sein Wörterbuch der Sprache der Unmenschen.

Siegfried Lenz gab den später Gebornen eine Deutschstunde über die schlimme Zeit. Günter Grass schlug auf die Blechtrommel. „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“, schworen die Deutschen aus bitterer Erfahrung.

Politiker kamen und klauten der Klugen dreist ein paar Kleider, mit denen sie heiße Luft ausstaffierten. PR-Agenten und Werbefuzzis zwangen ihr englische Plattheiten auf.

Vor ihr wollten manche sich nicht mehr verbeugen. Sie führten „lecker Weinkraut“ im Mund.

Jugendliche sagten zu ihr: „Ei alde!, fick Dich“ oder „Du bist uncool“. Alte Zeiten konnten sie gar nicht mehr richtig sprechen.

All das treibt Menschen, die die Sprache lieben, Tränen ins Auge und Zorn ins Gesicht. Doch sie selber steht still wie eine Marmorsäule und sagt nur ruhig: „Das kümmert mich nicht.“

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Ein Kommentar zu “Ungebeugt und unverständlich: Kein Respekt mehr vor der Mutter Deutsch

  1. Würde Sprache sich nicht immerfort weiterentwickeln, würde man heute noch Diutisc mit hin und wieder ein Fremdwort aus dem Welschen sprechen.

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