Pressekonferenz zu später Stunde: Journalisten arbeiten Tag und Nacht

Feierabend? Wochenende? Von wegen! Journalisten arbeiten Tag und Nacht.

Wenn es nach den lieben Mitmenschen ginge, käme ich niemals zur Ruhe. Morgens vor 8 klingelt manchmal bereits das Telefon. Abends um 22.30 Uhr hat auch schon mal jemand wegen „wichtiger Nachrichten“ bei mir angerufen.

Manche beraumen ihre Pressekonferenzen für 16 oder 17 Uhr an. Um diese Tageszeit ist die Tageszeitung bereits im Druck. Journalisten bereiten sich da auf ihren wohlverdienten Feierabend vor.

Aber den gönnt ihnen niemand. Denn wenn sie tatsächlich um 17 Uhr zu einer Pressekonferenz gehen, erwarten die Veranstalter den Bericht bereits am nächsten Morgen. Ein Journalist kann halt zaubern.

Schizophren muss er auch sein oder auf irgendeine andere wundersame Weise in der Lage, sich zwei- oder gleich mehrfach zu teilen. Jedenfalls soll der Berichterstatter oft gleichzeitig bei mehreren Terminen anwesend sein.

Was die Veranstalter bei der Pressekonferenz dann erzählen, das hätten sie oft genausogut aufschreiben und per Mail an die Redaktion schicken können. Aber das Schreiben ist ja der Job des Journalisten.

Es gab auch schon Pressekonferenzen, bei denen die verschiedenen Vertreter der einladenden Organisation hitzig miteinander debattiert haben, während die Pressevertreter gar nicht zu Wort kamen. Wenn einem Journalisten dann doch einmal gelang, in einer kurzen Diskussionspause schnell eine Frage zu stellen, nahmen die anwesenden Veranstalter das zum Anlass für weitere weitschweifende Diskussionen miteinander.

Einmal haben Ärzte bei einer Pressekonferenz kurze Abstracts ihrer wissenschaftlichen Vorträge verlesen und dann in unverständlichem Fachmedizinisch mit ihren Kollegen ausgiebig darüber gefachsimpelt. Trotzdem nannten die Veranstalter dieses Kolloquium „Pressekonferenz“.

Wenn mehr als fünf Vertreter des Veranstalters wie die Hühner auf der Stange im Raum sitzen, dann könnte ein Journalist sofort wieder flüchten. Wenn die alle das Wort ergreifen, dann bleibt dem Berichterstatter von diesem Wort nichts mehr übrig.

Viele verstehen die Grundsätze der Pressearbeit einfach nicht. Manche meinen, Journalisten hätten nichts anderes zu tun als ausgerechnet ihre übergroße Weisheit über sich ausgießen zu lassen.

Pressekonferenzen sind kurze Zusammenfassungen wichtiger Inhalte zu einem Thema. Diese Aussagen sollte der Veranstalter den Journalisten komprimiert übermitteln und ihnen dann Gelegenheit zum Nachfragen geben.

Pressekonferenzen sollten zwischen 10 und 14 Uhr stattfinden, damit die Medienvertreter ihre Berichte noch tagesaktuell veröffentlichen können. Pressekonferenzen sollten nicht viel länger als höchstens eine Stunde dauern.

All diese Regeln werden in der Praxis beharrlich ignoriert. Selbst, wenn man Veranstalter auf diese Rahmenbedingungen hinweist, finden sie immer wieder einen Grund, warum gerade ihre wichtige Mitteilung unbedingt eine Ausnahme erforderlich macht. Wenn dann hinterher niemand kommt und kein Bericht erscheint, dann beschweren sich diese beratungsresistenten „Pressearbeiter“ auch noch über die unverschämte Ignoranz und Arroganz der Medien.

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