Kein heißes Eisen mehr: Gentechnik schied die Geister nicht nur in Marburg

Die „Doppelhelix“ ist heute fester Bestandteil des Biologieunterrichts. Francis Crick und James Watson haben sie am 25. April 1953 zur Erklärung der Struktur der Desoxiribonukleinsäure (DNS) – oder englisch abgekürzt – „DNA“ vorgeschlagen.

Mit diesen beiden Abkürzungen verbinde ich eine der spannendsten Zeiten meiner journalistischen Karriere. Zwischen 1987 und 1992 war die Gentechnik ein ganz heißes Eisen. Darüber habe ich damals viele Artikel veröffentlicht.

1987 habe ich in der Zeitschrift „Marburger Rundblick“ berichtet, dass auch in Marburger Laboren gentechnisch gearbeitet wird. Kritik an der Gentechnik war damals aus der Umweltbewegung aufgekommen, die die Gefahren dieser Forschung thematisierte.

Der Deutsche Bundestag setzte seinerzeit eine Enquete-Kommission „Chancen und Risiken der Gentechnik“ ein. Der Heidelberger Theologe und Biologe Prof. Dr. Günter Altner beschrieb sie als „Das sich selbst vermehrende Risiko“.

Mein Artikel im „Rundblick“ zeitigte eine erstaunliche Wirkung: Der damalige Behring-Vorstandsvorsitzende Prof. Dr. Gerhard Schwick lud die Presse ein, um die Forschung der Behringwerke auf diesem Bereich vorzustellen. Der Grund für diese Offenheit offenbarte sich kurz später, als die Behringwerke einen Antrag auf Zulassung der Produktion von Erythropoetin stellten.

Daraufhin fand in Marburg das erste öffentliche Genehmigungsverfahren für eine gentechnische Anlage in Deutschland statt. Tausend Interessierte nahmen an den Verhandlungstagen des Regierungspräsidiums Gießen im Auditorium Maximum (AudiMax) der Philipps-Universität an der Biegenstraße teill.

Eine neu gegründete Bürgerinitiative mit dem Namen „Fra-Gen“ bündelte die Kritik an der Gentechnik und ihrem Einsatz in Marburg. Nicht zuletzt ihrem öffentlichen Auftreten war es zu verdanken, dass der größte Hörsaal der Universität brechend voll war.

Sprecherin der Bürgerinitiative „Fra-Gen“ war die Ärztin Marina Steindor. Als Vertreter der Behringwerke profilierte sich vor allem Produktionsleiter Dr. Roloff Johannsen.

Beide habe ich in angenehmer Erinnerung. Beide begrüßen mich heute freundschaftlich, wenn wir einander ausnahmsweise einmal begegnen.

In weniger guter Erinnerung habe ich hingegen eine Diskussionsveranstaltung mit den beiden sowie der Hamburger Wissenschaftlerin Dr. Regine Kollek in einem Hörsaal der Philipps-Universität. Laut tutende Protestierer machten jedes Gespräch unmöglich. Mir als Diskussionsleiter blieb letztlich nichts anderes übrig, als das Gespräch in ein italienisches Restaurant am Rudolphsplatz zu verlegen.

Gegen den deutlichen Protest breiter Bevölkerungskreise wurde die umstrittene Herstellung des Blutwirkstoffs in Michelbach schließlich genehmigt. Ein Treppenwitz der Geschichte ist allerdings, dass die riesige Rührschüssel voller Retroviren nie in Betrieb gegangen ist, weil Urheberrechtsstreitigkeiten das damals verhinderten.

Die Gentechnik indes ist inzwischen in Marburg alltäglich geworden. Nach Angaben der zuständigen Genehmigungsbehörden gab es um 2000 mit 104 Laboren schon mehr zugelassene gentechnische Anlagen in Marburg als Kneipen.

Auch das – bis heute – einzige Hochsicherheitslabor Deutschlands befindet sich in Marburg auf den Lahnbergen. Prof. Dr. Stefan Becker und seine Kollegen hantieren hier mit hochpathogenen Erregern wie dem Marburg-Virus, Vogelgrippe-Viren, dem Lassa-Fieber oder Ebola.

Die Bevölkerung schert das allerdings wenig. Lediglich Gentechnik in Lebensmitteln lehnt die Mehrheit kategorisch ab.

1991 habe ich an dem Buch „Genüsse aus dem Genlabor“ mitgearbeitet. Aktionen von „Fra-Gen“ bei Supermärkten führten schnell zu öffentlichen Erklärungen der Marktleiter, sie würden keine Erzeugnisse mit gentechnischen Substanzen anbieten.

Als Journalist habe ich Ende der 80er Jahre für den „Gen-Ethischen Informationsdienst“ (GID) geschrieben. Themen aus dem Bereich der Genforschung konnte ich aber auch sehr leicht an andere Zeitungen und Zeitschriften verkaufen.

Bei Terminen wie der Anhörung zu einer gentechnischen Fabrik der – durch das gefährliche Schmerzmittel „Contergan“ traurig berühmt gewordenen – Firma „Grünenthal-Chemie“ traf ich immer auf das halbe Dutzend Kollegen, die sich ebenso wie ich auf dieses Thema spezialisiert hatten. Inzwischen habe ich nur noch zu einem von ihnen Kontakt.

Gentechnik ist kein heißes Eisen mehr. Im Alltag hat sie sich breit gemacht als etwas ganz Normales.

Ihre grundsätzliche Gefährlichkeit indes hat sie damit noch lange nicht verloren. Vielmehr bekommt Altners Charakterisierung als „Das sich selbst vermehrende Risiko“ damit noch eine andere Dimension.

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