Ein Bus von Magirus: Nicht nur in Ulm und um Ulm herum

Seinen Lastwagenführerschein hat mein jüngerer Bruder auf einem Magirus Sirius gemacht. „Der fährt sich wie ein VW Käfer“, meinte er, „nur dass er etwas größer ist“.

Häufig begegnet bin ich dem Sirius auch in Rot-Weiß als Feuerwehrwagen. Ob als Drehleiter oder als Tanklöschfahrzeug; wer als Wehr was auf sich hielt, hatte Fahrzeuge von Magirus-Deutz.

Allerdings hatte das auch einen sehr einleuchtenden Grund. Firmengründer Conrad Dietrich Magirus war schließlich der Erfinder der ersten fahrbaren Feuerwehrleiter.

Das Ulmer Münster mit einem stilisierten „M“ war das Markenzeichen des 1866 gegründeten Unternehmens. Die luftgekühlten Dieselmotoren waren seit 1948 die größte Stärke seiner Traktoren, Laster und Busse.

Ob in tropischem Wüstenklima oder frostklirrenden Eiswüsten; überall versahen sie störungsfrei ihren Dienst. Ihr Heulen in höchster Tonlage war von jedem anderen Motorengeräusch sofort zu unterscheiden.

Seit der Fusion 1936 mit Humboldt-Deutz in Köln firmierte der Feuerwehrgeräte, Laster- und Bushersteller als Klöckner-Humbold-Deutz (KHD), später als Magirus-Deutz (MD) und schließlich nach der Fusion mit Fiat als Iveco-Magirus. Lastwagen von Magirus gibt es schon seit 1916, als die Heeresleitung für den 1. Weltkrieg nach motorbetriebenen Transportfahrzeugen verlangte. Nach Kriegsende kamen 1919 auch Busse hinzu.

Die ältesten Modelle, die ich selber noch kennengelernt habe, waren der große Heckmotor-Bus O6500 in Frontlenker-Bauweise und sein kleinerer Bruder O3500 mit einer runden Kühlerhaube ähnlich dem Sirius-Laster. Auch gab es einen kürzeren Frontlenker mit Heckmotor als O3500H.

Ende der 50er Jahre folgten der Frontlenker Jupiter sowie als Nachfolger der Saturn I und der größere Saturn II. Beide waren gekennzeichnet durch den unter der Rückscheibe hervorstehenden Heckmotor.

Sehr ähnlich sahen auch die Busse des Typs 150LS12 aus. Häufig bin ich mit diesen Fahrzeugen durch Marburg gefahren, wo sie bis zum Ende der 70er Jahre noch fleißig ihren Dienst versahen. Auch bei der Marburger Kreisbahn baute man seinerzeit auf diese Busse von Magirus.

Als ich 1977 nach Marburg kam, kannte ich den jüngeren Stadtbus-Typ 150s11 schon von den Kölner Verkehrsbetrieben (KVB). In der Domstadt prägten diese Fahrzeuge neben dreitürigen Büssing-Bussen das Bild des städtischen Busverkehrs. Neben dem hervorstehenden Heckmotor war für sie vor allem die Außenschwingtür in der Wagenmitte charakteristisch.

Die Stadtwerke Marburg (SWM) besaßen ab 1966 insgesamt vier Busse vom Typ 150S11. Fast täglich bin ich mit ihnen durch die Stadt gefahren.

1977 beschafften die SWM nach einer zwischenzeitlichen Hinwendung zu Mercedes-Benz und Man noch einmal Busse von Magirus-Deutz. Bei dem Typ 230L117 handelte es sich eigentlich um den Standard-Überlandlinienbus (StÜLB), der in der Marburger Ausführung jedoch über eine breite Vordertür verfügte.

Außer den drei Marburgern gab es ein baugleiches Modell nur noch bei den Stadtwerken Mainz, während ähnliche Fahrzeuge bei der Westfälischen Verkehrsgesellschaft (WVG) für den Einsatz bei den Ruhr-Lippe-Eisenbahnen (RLE) in Soest statt über eine Außenschwingtür in der Mitte über Innenschwingtüren verfügten. Größtenteils trugen sie wegen des stärkeren Dieselmotors auch die Typenbezeichnung 260L117.

Den Magirus-Standardbus 170S11 habe ich gelegentlich in Köln benutzt, wo man ihm zur Beschleunigung der Fahrgastwechsel eine dritte Tür im Heck verpasst hatte. Anstelle des beim Standardlinienbus üblichen Heckmotors war er dort deswegen mit einem stehenden Mittelmotor ausgestattet.

Nach dem Aufkommen der Schubgelenkbusse bei Mercedes-Benz, MAN und Vetter brachte auch Magirus-Deutz einen eigenen Gelenkbus 260SH170 auf den Markt. Größere Verbreitung hat er außer in Soest und Mainz aber nicht mehr gefunden.

Reisebusse von Magirus habe ich natürlich auch häufiger benutzt. Erinnerlich sind mir hier vor allem die Saturn II mit einem Aufbau der Karosseriefabrik Walter Vetter aus Fellbach bei Stuttgart. Mit ihren schrägen Fensterholmen, den breiten Aluminiumblechen darauf und den dadurch eher kleinen Seitenscheiben erinnerten sie – sicherlich mit voller Absicht – stark an die US-amerikanischen Greyhound-Busse der 50er Jahre.

Von Reisebussen der Typen 150LS12 über 180LS12 bis 200LS12 und 230L120 habe ich wohl alle Magirus-Typen als Fahrgast kennengelernt. Auch der kurze 120R80 sowie sein Nachfolger 130R81 sind mir durchaus vertraut.

Das Motorenwerk von Magirus in Mainz-Mombach habe ich auch einmal besichtigt. Allerdings begann man damals bereits, die Produktion mehr und mehr auf die Reparatur von Panzern umzustellen.

Mit der Eingliederung von Magirus in die neue Marke Iveco begann ein schleichender Niedergang der Busse, die mich einst so faszinierten. Einerseits waren sie seltener als Fahrzeuge der großen Hersteller Mercedes-Benz und MAN; andererseits besaßen allein sie luftgekühlte Motoren. Wenn ich heute so einen Motor höre oder einem Magirus begegne, dann packt mich dieses Gefühl sofort wieder und versetzt mich zurück in meine Jugend, als bestimmt zwei Drittel aller Feuerwehrwagen das stilisierte Ulmer Münster auf dem Kühler trugen.

Die indische Firma Tata hat bei einer „Raubkopie“ von Magirus-Lastwagen sogar dieses Firmenemblem mitkopiert. Man wusste ja nicht, wozu es gut war!

Gut war es dann am Ende dazu, dass sich Magirus mit Tata einigte. Nachdem die damalige Bundesregierung bei der Höhe der Lizenzgebühren vermittelt hatte, belieferte Tata den indischen Markt jahrelang mit luftgekühlten Lastern nach Ulmer Bauart. Selbstverständlich fuhren solche Busse aber auch in Ulm und um Ulm und um Ulm herum.

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