Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

Vier Tage haben der Fotojournalist Rainer Wohlfahrt und ich 1995 in Fischbeck und Hannover zugebracht. Meine Reportage über das Deutsche Taubblindenzentrum und die Menschen dort wurde in voller Länge leider nie veröffentlicht. Zum Europäischen Protesttag für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen am 5. Mai möchte ich sie nun dokumentieren.

foto:mehmetDer kleine Mehmet genießt die Aufmerksamkeiten seiner Betreuerin Birgid. (Foto: Rainer Wohlfahrt)

Montagmorgen, 10.28 Uhr: Pünktlich läuft mein Zug in Hameln ein. „Gottseidank hat alles geklappt!“, denke ich, als mich mein Kollege Rainer Wohlfahrt auf dem Bahnsteig in Empfang nimmt. Er geleitet mich zum Ausgang. „Das klappt ja alles wie am Schnürchen“, sagt er, als er draußen auf dem Vorplatz den Kleinbus des Taubblindenzentrums und den Fahrer erkennt, der ihn schon bei seinem letzten Besuch nach Fischbeck chauffiert hat.

Rainer war im Sommer schon einmal für zwei Tage in Deutschlands einzigem Taubblinden-Dorf und bei der Zentrale des Deutschen Taubblindenwerks in Hannover. Die dabei entstandene Bildserie von gut 80 Aufnahmen will der Dortmunder Fotojournalist nun vervollständigen. Ich soll den Text zu dieser Reportage beisteuern. Wir hoffen, dass mir meine Blindheit den Zugang zu den Menschen hier in Fischbeck und in Hannover erleichtern wird.

Nach viertelstündiger Fahrt erreichen wir die Pforte des Taubblindenzentrums in Fischbeck, einem Ortsteil von Hessisch-Oldendorf. Wir steigen aus. Rainer führt mich zum Verwaltungsgebäude. Dort empfängt uns Kerstin Trester-Betka in ihrem Büro. Sie ist die Stellvertreterin des Heimleiters vom Henjes, der an einer Grippe erkrankt ist. Frau Trester-Betka erklärt mir die Einrichtung, ihre Aufgaben und die Tagesabläufe in Fischbeck.

71 Menschen leben hier in 10 Wohngruppen und werden von einer etwa gleich großen Anzahl Betreuer versorgt. Dieses Verhältnis von 1 zu 1 ist auch notwendig, denn die Bewohner in Fischbeck sind nicht nur taubblind, sondern auch in ihrer geistigen Wahrnehmungsfähigkeit behindert. Taubblind – so erklärt Kerstin Trester-Betka – bedeutet dabei nicht unbedingt den völligen Ausfall sowohl des Seh- und Hörvermögens, sondern in vielen Fällen die teilweise Einschränkung eines dieser Sinne bei völligem Verlust des anderen. Diese Behinderung kann durch Hirnschädigungen hervorgerufen worden sein, die dann auch geistige Behinderungen bewirken; die geistige Behinderung kann aber auch eine Folge fehlender Sinnesreize im Kleinkindalter sein. Bei den meisten Bewohnern des Zentrums ist eine Rötel-Embryopathie die Ursache ihrer schweren Behinderung: Während der Schwangerschaft hatte sich die Mutter mit Röteln angesteckt, was die Entwicklung des Foetus nachhaltig beeinträchtigt hat.

Frau Trester-Betka betrachtet sich sehr ausgiebig die rund 80 Bilder, die Rainer Wohlfahrt bei seinem ersten Besuch in Fischbeck und Hannover aufgenommen hat. Dann lässt sie allen Häusern Bescheid geben, dass wir kommen. Außerdem organisiert sie uns in der Kantine ein Mittagessen für die beiden Tage, die wir in Fischbeck bleiben wollen. Als wir mit ihr am Mittagstisch sitzen, kommt Marion Kruse vorbei. Die junge Pädagogin arbeitet als katholische Seelsorgerin. Drei Tage die Woche kommt sie nach Fischbeck; die anderen beiden Tage ist sie im Deutschen Taubblindenzentrum in Hannover. Frau Kruse lädt uns ein, an einer Andacht teilzunehmen, die sie mit einem Bewohner vereinbart hat.

Sie führt uns in einen Raum, den sie sich mit ihrer evangelischen Kollegin teilt. Mit Räucherkerzen schafft sie die notwendige Einstimmung, bevor sie ihren Schützling aus seiner Wohngruppe abholt.

Der Mann kommt an ihrem Arm ins Zimmer. Er verfügt über einen geringen Sehrest und versucht, die Kerze selbst anzuzünden, die die feierliche Atmosphäre unterstreichen soll. Er ist aufgeregt; vielleicht, weil Rainer und ich im Raum sind. Erst beim dritten Anlauf entflammt das Streichholz den Docht. Daniel, der bis jetzt vollkommen still war, stößt einen Schrei der Begeisterung aus. Sprechen und hören kann er nicht.

Dennoch spricht Marion Kruse zu ihm wie zu einem Kind. Sie erzählt ihm von Maria und Elisabeth und lormt ihm die Namen in die Hand.

Lormen ist eine Tastschrift, mit der man Taubblinden alle Buchstaben des Alphabets in die Hand hineinschreiben kann. Jede Stelle der Hand steht für einen bestimmten Buchstaben. Beispielsweise schreibt man das „A“, indem man mit dem eigenen Finger dem Angesprochenen auf die Fingerkuppe seines Daumens drückt. Die Kuppe des Zeigefingers steht für das „E“, die des Mittelfingers für das „I“, die Fingerkuppe des Ringfingers für das „O“ und die des Kleinen Fingers für das „U“. Ebenso wie die Vokale können auch alle anderen Buchstaben durch Druck auf eine ganz bestimmte Stelle der Hand geschrieben werden. Zwar muss jeder Text einzeln buchstabiert werden, doch ist jeder Mensch imstande, zu lormen, der noch eine Hand hat.

Erfunden wurde diese tastbare Handschrift von Hyronimus Lorm.

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2 Kommentare zu “Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

  1. Ahja, nicht uninteressantes Alphabet.
    Hier mal fuer konzentrierte Proben nach dem ersten Kasten Bier eine Buchstabenliste.
    Irgendwie fehlen noch die Ziffern oder ein Zahlenzeichen usw., aber da findet sich vielleicht noch eine vollstaendigere Liste:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Lormen

  2. Pingback: Wie interviewt man Taubblinde: Nur keine Berührungsängste! | Franz-Josef Hanke

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