Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

In Haus 4 werden wir mit Kaffee und Keksen bewirtet und sogar zum Abendessen eingeladen. Kaffee und Kekse nehmen wir an. Ich fühle mich wohl hier. Einen ähnlich offenen und herzlichen Empfang erleben Rainer und ich überall in Fischbeck, wo wir aufkreuzen. Überall wird uns Kaffee oder Tee angeboten; und nicht nur einmal werden wir eingeladen, mit einer Wohngruppe das Essen einzunehmen.

Peter stellt mich Harald vor. Auch er tastet mich ab und schnüffelt an meinem Kopf nach dem Geruch meiner Haare. Dann reicht er mir die Hand und sagt sehr langsam, schwerfällig und kaum verständlich: „Guten Tag!“

In Haralds Zimmer versuche ich, den Hobby-Mechaniker zu interviewen. Kathrin lormt ihm meine Fragen in die Hand; er bemüht sich, mir halbwegs verständliche Antworten ins Mikrophon zu sprechen. Meistens kann ich seine undeutliche Aussprache verstehen. Ich zeige auch ihm mein Tonbandgerät und das Mikrophon. Kathrin lormt ihm meinen Namen. Er wiederholt: „Franz-Josef!“

Rainer und ich gehen hinüber ins Haus 7. Yvonne arbeitet hier heute Nachmittag alleine. Die Bewohner sitzen gerade bei Kaffee und Kuchen. Ich nehme neben Sevkin Dimir Platz. Die junge Türkin tastet nach mir und sagt: „Ich bin Sevkin. Sag, dass ich ein hübsches Mädchen bin!“

Ich streichle ihr über den Kopf und das Wuschelhaar. Das genießt sie und wiederholt mehrmals: „Sag, dass ich ein hübsches Mädchen bin!“ Dann fragt sie mich, ob ich ihren Freund kenne, der im Blindenwohnheim in Hannover lebt.

Gegenüber am Tisch sitzt Monika, die – für mich unverständlich – vor sich hin brabbelt. Manchmal spricht sie Marianne an, die völlig still neben ihr sitzt. Plötzlich schreit sie auf. Yvonne geht zu ihr hin und öffnet das Fenster: „Ich habe Fussel rausgeworfen!“

Fussel – so erklärt sie Sevkin und uns – ist ein Wesen, das nur Marianne sehen kann, das sie aber manchmal bedroht. Marianne plaudert weiter mit ihrer Nachbarin.

Yvonne erzählt uns, dass sie ausgebildete Anwaltsgehilfin ist. Den Dienst hier in Fischbeck findet sie aber viel interessanter als die erlernte Büroarbeit. Rainer und ich wollen weiter. Wir verabschieden uns von allen mit Handschlag. Sevkin will uns jedoch nicht gehen lassen. Da sie nicht laufen kann, kriecht sie auf allen Vieren hinter uns her. „Wir sind aber schneller“, sagt Rainer und steht schon an der Haustür. Yvonne hält Sevkin fest und streichelt sie.

In Haus 10 sitzen die Betreuer mit einigen Bewohnern um den großen Tisch zusammen. Ich nehme neben Hendrik Platz, dem ich wieder mein Mikrophon hinhalte. Er tastet nach meinem Arm, meinem Gesicht, leckt kurz an meiner Hand und riecht an meinem Haar. Inzwischen fange ich an, die Nähe bei dieser Begrüßung zu genießen.

Sabine Schneider ist erst seit kurzem Betreuerin in Haus 10. Früher war sie Friseuse; nachdem sie diesen Beruf aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben konnte, erhielt sie eine Stelle im Außendienst einer Krankenkasse: „Ich habe mir dann überlegt, dass ich mit 50 nicht immer noch mit dem Auto durch die Gegend fahren wollte, um den Leuten Versicherungspolicen anzudrehen. Deshalb habe ich mich hier beworben. Jetzt bin ich 40; und ich bin endlich angekommen!“

Ähnlich wie Sabine Schneider äußern sich viele der Mitarbeiter, die ich in Fischbeck und später in Hannover kennen lerne.

Sabine Schneider beobachtet durch die Durchreiche, wie sich einer ihrer Schützlinge in der Küche zu schaffen macht: „Trink nicht so viel Kaffee, Mausebär!“ sagt sie und nimmt ihm die Tasse sanft aus der Hand. Von den Bewohnern in ihrem Haus redet sie als „unsere Schätzchen“.

Haus 5 sitzt beim Abendessen. Ich werde zwischen Ingeborg und Susanne postiert. Von rechts höre ich Werner in meine Richtung schmatzen; links fragt mich Ingeborg mehrfach: „Alles klar?“ Jedesmal, wenn ich ihr nicht gleich antworte, antwortet sie selbst: „Alles klar!“

Ingeborg hat Trisomie 21, ist blind und hört schlecht. Sie lacht mehrmals, wenn ich ihr antworte: „Alles klar!“

Nach dem Essen stellen die Bewohner ihre Teller auf die Durchreiche zur Küche. Einem Bewohner muss Wolfram dabei helfen. Als alle fertig sind, tritt er mit uns hinaus auf die Veranda, um eine Zigarette zu rauchen. Dort erzählt er uns von seiner Arbeit im Betriebsrat: „Natürlich gibt es überall kleine Spannungen, aber im wesentlichen ist das Betriebsklima hier sehr gut!“

2 Kommentare zu “Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

  1. Pingback: Wie interviewt man Taubblinde: Nur keine Berührungsängste! | Franz-Josef Hanke

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