Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

foto:stefan und MarkStefan (links) und Mark genießen ein sommerliches Bad im Planschbecken. (Foto: Rainer Wohlfahrt)

Inzwischen ist es schon fast acht Uhr am Abend. Für heute sind Rainer und ich mit unserer Reportage fertig. Wir gehen zum Haus 1, um die Mitarbeiterin dort zu bitten, das Außentor zu öffnen. „Wir sind da nicht mehr zuständig; die Kamera ist jetzt im Haus 3!“ sagt sie. „Ich rufe da mal schnell an!“

Im Hinausgehen meine ich zu Rainer: „Anderswo hätte es sicher geheißen: Wir sind da nicht zuständig; gehen sie zu Haus 3!“

In unserer nahe gelegenen Pension schlägt Rainer mir einen Titel für unsere Reportage vor: „In der Stille der Nacht“. Stille und Nacht – so meint er –
kommen bei den meisten Menschen hier zusammen. Irgendetwas in mir sträubt sich gegen diesen Titel. Wahrscheinlich habe ich Schwierigkeiten mit dem Wort „Nacht“ als Bild für Blindheit, aber genau weiß ich es nicht.

Pünktlich um 9 Uhr betreten wir am Dienstagmorgen wieder die Taubblindensiedlung. Wir wollen Harald Muth auf seinem Weg zur Arbeit begleiten. Es ist ein ziemlich kalter Morgen und Harald ist dick eingepackt. Er verlässt Haus 4 kurz nach 9 und geht den Weg hinauf zur Werkstatt, indem er mit seinem rechten Fuß immer nach der Bordsteinkante tastet. Vorbei an den Häusern 3, 2 und 1 sowie dem Verwaltungsgebäude geht er sicher vorwärts. Einmal zwischendurch streckt er seinen Arm nach links aus, wo Rainer und ich neben ihm hergehen. Aus Haus 1 ist eine Frau herausgekommen, die vor uns entlanggeht und an der Kreuzung, wo rechts der Weg zur Ausfahrt und links die Einfahrt zur Laderampe der Werkstatt und der Garage abzweigt, bleibt sie stehen. Harald läuft auf sie von hinten zu und hält etwa einen Meter hinter ihr an. Gleichzeitig beschleunigt sie nun ihre Schritte. Beide müssen einander gespürt haben, wie Harald auch Rainer und mich bemerkt hat. Wahrscheinlich hat er uns sogar erkannt. Ob er unsere Körperwärme spürt, uns riecht oder unsere elektromagnetischen Felder wahrnimmt, kann wohl niemand genau sagen; sicher ist jedoch, dass er uns bemerkt hat.

Harald läuft über die Kreuzung und findet – immer mit dem rechten Fuß tastend, wieder die Bordsteinkante des Wegs zur Werkstatt. Genau vor dem Eingang zur Werkstatt biegt er nach links ab und betritt den Bau. Rainer lässt mich die an der Wand neben der Tür aufgeklebten Holzbuchstaben ertasten: „WfB“ bedeutet „Werkstatt für Behinderte“.

Innen im Flur hat Harald zunächst an die Heizung gegriffen und sich so davon überzeugt, dass sie warm ist, bevor er seinen Mantel an die Garderobe hängt. An seinem Haken prangt ein tastbares „H“. Dann geht Harald in den Arbeitsraum, wo er CDs in große Pappkartons verpackt.

Der Zivildienstleistende Harald Schmidt erklärt mir den Arbeitsablauf. Rainer und ich gehen in den Nebenraum, wo die Arbeitstherapeutin sitzt. Sie bastelt, malt und werkelt mit den Behinderten. Stolz zeigt sie mir ein Flugzeug aus Gips und Pappmaschee, das in einer Ecke des Raums an der Decke hängt. An den Wänden hängen viele gerahmte Klecksbilder, von denen Rainer gerne eines kaufen möchte.

Wir schauen noch kurz in dem anderen Arbeitsraum der Werkstatt vorbei. Hier setzen die Werkstattmitarbeiter die Schachteln zusammen, in denen die CDs verpackt sind. Dann schieben sie je eine CD in jede dieser Kunststoffhüllen hinein.

Ich stehe an einem Arbeitsplatz, der gerade frei ist. Joachim kommt auf mich zu und merkt, dass ich ihm den Weg zu seinem Platz versperre. Mit einem unwilligen Brummen fordert er mich auf, beiseite zu treten.

Als er Platz genommen hat, zeige ich ihm mein Mikrophon. Bereitwillig lässt er sich von mir befragen, wobei Peter ihm die Fragen in die Hand lormt. Seine Arbeit macht ihm Spaß, erklärt er. Ich will wissen, wer neben ihm sitzt. Er antwortet: „Ingeborg!“ Ist Ingeborg nett? „Sie ist sehr nett!“ antwortet Joachim und beugt sich zu ihr hinüber, um sie zu streicheln.

Nun führt mich Peter eine Treppe höher in den „Noozleraum“. Hier können sich die Bewohner des Fischbecker Taubblindenzentrums entspannen, indem sie akustische, optische und taktile Reize auf sich wirken lassen. Viele Bewohner haben schließlich noch ein Restseh- oder Hörvermögen, das durchaus auch gefordert werden soll.

Peter führt mich zu einer beleuchteten Glassäule, in der Wasser sprudelnd nach oben steigt. Den Deckel kann man abnehmen. Er hält meine Finger in die Öffnung. „Licht und Wasser sind ganz besondere Stimulatoren“, erklärt er.

Ein Sitzkissen, das mit Styropor gefüllt ist, ein Luftball, der größer ist als der Sitzball in meinem Arbeitszimmer, und schließlich ein gemütlicher Schaukelstuhl laden zum Verweilen ein. Der Raum ist abgedunkelt, damit auch diejenigen Bewohner mit geringem Sehvermögen die Lichtreize noch wahrnehmen können. Dazu zählt auch eine Lichtorgel an der Decke.

2 Kommentare zu “Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

  1. Pingback: Wie interviewt man Taubblinde: Nur keine Berührungsängste! | Franz-Josef Hanke

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