Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

Der Clou des Noozleraums ist freilich das Wasserbett, das auf zwei leistungsfähige Lautsprecherboxen aufmontiert ist. Das Wasser in der Matratze überträgt alle Tonschwingungen an den Körper desjenigen, der auf diesem Wasserbett liegt. Peter fordert mich auf, mich auch einmal daraufzulegen. Ich höre die ruhige Musik und genieße die sanften Schwingungen unter meinem Körper. Stundenlang könnte ich so liegenbleiben.

Kathrin berichtet, dass auch die meisten Wohngruppenmitarbeiter gerne hierherkommen. Sie legt sich zu einer Bewohnerin aus Haus 4, mit der sie sich zur Zeit nicht so recht versteht: „Ich kann dann, wenn wir beide ruhig nebeneinanderliegen, Körperkontakt zu ihr aufnehmen und feststellen, ob sie meine Annäherung annimmt.“

Jeder Mensch sollte so einen Noozleraum haben, denke ich und beneide die Fischbecker um diese Einrichtung. Leider muss ich aber wieder weg, weil Rainer und ich eine Verabredung haben: Wir wollen Werner und Helmut auf einem Einkaufsgang ins Dorf begleiten.

Sie sind schon vorausgegangen; und wir holen sie erst im Supermarkt wieder ein. Helmut schiebt den Einkaufswagen vor sich her und folgt dabei Werner, der ihm vorausgeht. Der Einkauf selbst ist recht unspektakulär. Auch die Abfertigung an der Kasse scheint in Fischbeck etwas ganz Normales zu sein: Die Kassiererin spricht freundlich und unbefangen mit ihrer behinderten Kundin; deren Begleiter übersetzt die Worte ins Lorm-Alphabet.

Rainer und ich gehen wieder zum Taubblindendorf zurück, wo wir nun die Gärtnerei aufsuchen. Hier werden zur Zeit Adventskränze zusammengesteckt. Ich reiche allen die Hand und lasse mich von einigen Mitarbeitern der Gärtnerei beschnüffeln, bevor ich neben Regina Platz nehme. Die junge Frau beginnt daraufhin mit sehr hektischen Bewegungen und atmet schneller. „Sie hat irgendetwas“, sage ich zu Katharina Klein, die mir ihren Platz abgetreten hat. „Soll ich wieder aufstehen?“

„Sie freut sich nur“, erklärt die Beschäftigungstherapeutin. Regina hält mir nun ihren Kopf so hin, dass ich den Hals unterhalb ihres Haaransatzes direkt unter meinen Fingern habe. „Sie möchte gestreichelt werden“, sagt Klein. Ich streichle Regina und merke bald, wie sie diese Berührung genießt. Als ich aufstehe, schenke ich ihr einen Glückspfennig, den ich von Einkaufen übrigbehalten habe. Sie nimmt ihn in die Hand, dann reicht sie ihn mir zurück. Ich schließe ihre Hand fest um die kleine Münze. Regina schüttelt mir die Hand.

Nun gehen Rainer Wohlfahrt und ich auf der anderen Seite um die Werkstatt herum. Bei unserem Einkaufsgang hat Rainer versprochen, auch seiner Kollegin Annette seine Bilder zu zeigen. Sie hatte am Vorabend frei, möchte die Aufnahmen aber auch einmal sehen. So kommen wir nach dem Gärtnereibesuch noch einmal ins Haus 10; und ich treffe Hendrik wieder.

Rainer weist mich darauf hin, dass er neben der Durchreiche zur Küche auf einem Stuhl sitzt. Er sitzt dort so leise, dass ich ihn gar nicht bemerkt habe.

Ich setze mich auf den Stuhl gleich neben ihm und halte ihm meine Hand hin. Hendrik nimmt sie, riecht daran, schnüffelt wieder an meinem Haar. Dann, nach fünf oder sechs Sekunden, schüttelt er heftig und erregt meine Hand: Er hat mich wiedererkannt!

Ich freue mich und halte ihm meine rechte Hand hin, die er ergreift und an seine Schulter legt. Wir haben vielleicht drei Minuten so gesessen, da legt sich Hendrik plötzlich quer über den Stuhl, so dass sein Kopf nun in meinem Schoß ruht.

In meiner Linken halte ich noch die obligatorische Kaffeetasse. Hendrik greift nach meiner Hand, entdeckt die Tasse und führt meine Hand mit der Tasse vorsichtig an meinen Mund. Als die Tasse leer ist, setze ich sie neben mir auf dem Fußboden ab. Nun nimmt Hendrik meine Hand und legt sie auf seinen Bauch.

Hendrik scheint zufrieden. Seinen Kopf dreht er die ganze Zeit langsam von links nach rechts und wieder zurück. Das unaufhaltsame Kopfdrehen an meinem Bauch stört mich; ich streichle Hendrik über sein wuscheliges Haar; und er hält wirklich stillt. Ich taste nach seinem Ohr, finde ein paar Bartstoppeln. Nein, das ist kein Kind!

2 Kommentare zu “Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

  1. Pingback: Wie interviewt man Taubblinde: Nur keine Berührungsängste! | Franz-Josef Hanke

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