Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

Beim Betrachten der Bilder erkennt Jürgen Schreier Harald Muth wieder. Mit ihm ist er früher, als es das Taubblindendorf in Fischbeck noch nicht gab, öfter wandern gegangen: „Je höher hinauf wir kamen, desto wohler fühlte sich Harald. Er ist sehr wetterfühlig.“ Jetzt verstehen wir auch Haralds Interesse am Barometer.

Es ist schon 19 Uhr durch, als Rainer und ich das Taubblindenzentrum verlassen. Wir gehen in ein italienisches Restaurant. Die vornehme Atmosphäre, vor allem aber die lauten Gespräche am Nebentisch über die Management-Qualitäten von irgendwem und die Solvenz seiner Firma erwecken in mir den Eindruck, plötzlich auf einer ganz anderen Welt zu sein. Schnell flüchten wir in die gegenüberliegende Bierkneipe.

Nach dem zweiten Bier bekomme ich das heulende Elend: Ich komme mir unverstanden vor und habe das Gefühl, als ob alles an mir vorbeiliefe. In der Nacht werde ich mehrmals wach und träume schlecht. Als ich wach werde, höre ich erleichtert Autos und die Straßenbahn unter dem Fenster vorbeirauschen.

Gegen 7.30 Uhr betreten Rainer und ich das Taubblindenzentrum. Wir besuchen Petra Stellmacher, die mit ihrer Gruppe gerade beim Frühstück sitzt. Auch wir bekommen einen Kaffee ab.

Um 10.10 Uhr startet vor dem Haupteingang der Kleinbus zum Zoo. Jedes Jahr fahren Kinder des Taubblindenzentrums zwei Wochen lang Montag, Mittwoch und Freitag Vormittag in den Hannoveraner Zoo. Heute nehmen fünf Kinder mit je einem Lehrer teil. Zwei davon sind schon mit der Straßenbahn losgefahren, so dass Rainer und ich im hauseigenen Bus mitfahren können. Ich schließe mich der Sonderschullehrerin Nicole und der fünfzehnjährigen Alexandra an. Mit ihrer starken Brille kann sie zwar noch einiges sehen, doch ist sie körperlich und geistig stark retardiert. Auch äußerlich sieht sie eher wie ein neunjähriges Kind aus.

Im Bus erzählt Frau Melanie Müller mir, dass sie 15 Jahre mit geistig behinderten Menschen gearbeitet hat. Sie wollte noch einmal etwas Neues anfangen und hatte sich deshalb beim Taubblindenwerk beworben. Hier – so meint sie – seien ihre Fähigkeiten noch mehr gefordert: „Ich muss mir immer überlegen, wie ich etwas an die Leute heranbringen kann. Wenn mir das gelingt, dann habe ich ein wunderschönes Erfolgserlebnis

Als wir am Zoo aussteigen, nehme ich ihre linke Hand. An der rechten geht Richard Reichert. Drei- oder viermal zieht Alexandra ihre Hand kurz weg, doch schon nach wenigen Sekunden tastet sie wieder nach meiner.

Erich gibt allen Kindern die Hand und weiß auch ihre Namen. Sie ist Lehrerin und arbeitet drei Tage die Woche in der Zooschule. Für die taubblinden Kinder hat sie ein ganz besonderes Programm entwickelt: Sie dürfen das Kamelhaus betreten und den Stall ausmisten.

Frau Erich führt Alexandra beim Schaufeln und Kehren die Hand und reicht ihr Stroh an, das Alexandra auf den Boden streuen darf. Im Stall herrscht ein bestialischer Geruch; doch allen fünf Kindern macht es höllischen Spaß hier.

Am Wolfsgehege vorbei wandern wir anschließend zum Schildkrötenhaus. Dort führt Frau Erich die Kinder einzeln herein, um die Riesenschildkröten nicht zu überfordern. Jedes Kind darf die verschiedenen Schildkröten anfassen, ihren Panzer befühlen und sie am Hals streicheln. Das lieben diese Tiere ganz besonders; dann richten sie sich auf und werden merklich höher. Auch mir führt Frau Erich die Hand, damit ich alles ertasten kann wie die Kinder.

Draußen vor dem Schildkrötenhaus warten wir, bis alle Kinder durch sind. Die neunjährige Maria kommt weinend heraus. Sie habe plötzlich angefangen, unruhig zu werden, berichtet ihre Betreuerin. Ich nehme Maria auf en Arm und rede beruhigend auf sie ein. Sie kann mich zwar nicht hören, doch ich spüre, wie sich ihr Atem an meiner Brust langsam beruhigt. Als ich sie wieder absetzen will, klammert sie sich mit den Füßen fest um meine Beine. Ich hebe sie wieder hoch und halte sie, bis ich ihr Gewicht nicht mehr tragen kann.

Auch bei diesem Versuch, sie abzusetzen, klammert sie sich wieder fest und windet ihren biegsamen Körper. Ich setze sie trotzdem ab, streichle sie dann jedoch lange, damit sie sich nicht abgeschoben fühlt. Sie hat inzwischen meinen Blindenstock in die Hand genommen, den ich losgelassen habe, als ich sie festhielt.

2 Kommentare zu “Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

  1. Pingback: Wie interviewt man Taubblinde: Nur keine Berührungsängste! | Franz-Josef Hanke

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