Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

foto:josefIm Taubblindenzentrum in Hannover prüft Josef jeden Abend zur selben Stunde auf seinem Balkon die Witterungsverhältnisse. (Foto: Rainer Wohlfahrt)

An Alexandras Hand gehe ich zurück zum Ausgang des Zoos. Der Hausbus – so teilt uns die Frau an der Kasse mit – habe eine halbe Stunde Verspätung. Wir nehmen die Bahn.

Kein leichtes Unterfangen, denn Alexandras Rückenleiden kann zu plötzlichen Anfällen führen, bei denen ihr Rückgrat unbeweglich wird. Und Willi sitzt wegen einer spastischen Lähmung im Rollstuhl. Doch er stößt einen lauten Freudenschrei aus, als er merkt, dass wir die Bahn nehmen.

Katharina lädt uns für den Nachmittag ins Haus 4 auf einen Kaffee ein. Sie möchte Rainers Bilder sehen. Als wir das Taubblindenzentrum erreichen, gehen Rainer und ich jedoch zunächst zum Mittagessen in die Kantine. Danach besuchen wir noch einige andere Kindergruppen, bevor wir ihre Einladung Folge leisten.

In Haus 2 wohnt Theo. Er sitzt, den Kopf nach unten hängend, auf einem Kissen am Boden und wippt ständig mit dem linken Fuß. Dabei sagt er minutenlang nur „Ja, ja, ja, ja!“ Ich reiche ihm meine Hand, die er zwar ergreift und drückt, dann jedoch gleich ohne weiteres Interesse loslässt. „Ja, ja, ja!“ höre ich.

„Das ist Theos eingeschränkter Wortschatz“, erklärt die Betreuerin. „Immerhin besser ja als Nein“, meint Rainer und fragt Theo: „Bin ich ein netter Kerl?“ Die Antwort folgt auf dem Fuße: „Ja, ja, ja, ja!“

Anschließend besuchen Rainer und ich Haus 6. Ich begrüße die Mitarbeiterinnen und reiche einer von ihnen die Hand. Eine Praktikantin sagt daraufhin: „Hie will Ihnen noch jemand die Hand reichen.“ Ich halte ihr meine Hand hin, die sie erst selber drückt und dann nach links schiebt. Eine kleine Kinderhand drückt meine Hand und hält sie eine Weile fest. „Das ist Camillo!“ sagt seine Nachbarin zu mir. Ich mache erst die Runde um den Tisch und kehre wieder zu Camillo zurück. Rainer hat sich inzwischen mit den Mitarbeiterinnen an einen zweiten Tisch zurückgezogen, wo er ihnen in Ruhe seine Fotos zeigen kann, während die Kinder am Mittagstisch noch ihren Nachtisch einnehmen. Eine der Betreuerinnen ist hier geblieben. „Camillo kann noch einiges sehen“, erklärt sie mir. Der Kleine hält meine Hand und schaut mich interessiert an.

Wenn er noch etwas sehen kann, dann könnte er ja vielleicht auch auf den Fotos noch etwas erkennen, denke ich und bringe ihn zu Rainers Fotorunde. Ich gehe wieder zurück zum Mittagstisch. Kaum sitze ich zwei Minuten dort, da kommt Camillo und holt mich auch zur Fotorunde. Er setzt sich zwischen Rainer und mich.

Ich scheine ihn wesentlich mehr zu interessieren als die Bilder. Lediglich die beiden Fotos, auf denen er selbst zu sehen ist, schaut er sich lange und interessiert an. Danach wendet er sich wieder mir zu, um mich minutenlang zu betrachten.

Camillo ist 13. Er ist eines der Kinder, denen kürzlich ein Cochlear-Implantat eingepflanzt worden ist. Er hört mit dem rechten Ohr.

Ich sitze links von ihm. Er hat seinen Kopf zu mir herübergedreht und schaut mich an, wobei seine kleine Hand meine festhält. Ich beuge mich hinter ihm vorbei und spreche ihn von rechts an. sobald meine Stimme ertönt, dreht er sofort den Kopf nach rechts. Er kann also wirklich etwas hören. Sprechen kann er jedoch nicht.

„Und wo ist der Computer?“ frage ich. „Den hat er auf dem Bauch“, antwortet eine seiner Betreuerinnen. Ich taste auf den Bauch und finde dort einen handtellergroßen Kasten, der ihm unter dem Gürtel festgeschnallt worden ist. „Wenn er damit hören kann und wenn er hören mag, dann ist es wohl auch gut“, meine ich. „Camillo reißt sich immer die Magnetsonde vom Kopf“, berichtet eine Betreuerin. „Sie will vermutlich gar nicht hören“, folgere ich. Die Vielzahl von Sinnesreizen, die auf uns im Alltag einstürzen, sind schließlich nicht immer nur eine Freude oder Bereicherung, sondern oft auch eine Belastung. Dürfen wir für Gehörlose, die sich selbst nicht äußern können, entscheiden, dass sie hören? Gottseidank hat auch der Computer einen Ein- und Ausschaltknopf; sie können also selbst entscheiden, ob und wann sie hören wollen!

Es wird Zeit, die Verabredung in Haus 4 einzuhalten. Ich verabschiede mich von Camillo mit einem langen Händedruck. Dieser kleine Kerl hat einen ganz eigenen Charme, der nicht nur mich, sondern auch Rainer gefangen hat.

In Haus 4 unterhalten wir uns mit Rasmus Ritter. Neben mir auf der Eckbank sitzt jemand, den Körper zum Tisch und den Kopf nach hinten über die Lehne zur Heizung gedreht. Es ist Alexandra. Meine Hand ergreift sie nicht auf ein kurzes Streicheln spricht sie nicht an. Ich lasse sie also in Ruhe.

Später steht sie auf und setzt sich auf einen anderen Platz. Als ich mich beim Hinausgehen von ihr verabschiede, hält Alexandra meine Hand lange fest. „Sie strahlt übers ganze Gesicht“, sagt eine Betreuerin. Ich spüre, dass sie sich freut, als sie zum Abschied meine Hand schüttelt.

Wir suchen nach Frau Saring, die heute extra für uns ein Streifenlesen angesetzt hat. Wir fragen bei Jürgen Schreier nach ihr, der uns den Weg zum richtigen Raum weist und uns für 16 Uhr zum Kaffee einlädt.

Während Rainer das Streifenlesen fotografiert, unterhalte ich mich mit Sandra Keller. Sie ist für die Erwachsenen zuständig.

Einer kommt und plaudert mit ihr über Fußball. Seine Fragen stellt er mit der – mir inzwischen bereits vertrauten – schwerfälligen Aussprache der meisten Gehörlosen, ihre Beiträge zur Unterhaltung lormt Frau Keller ihm in die Hand. Ich stelle mich ihm vor, halte auch ihm mein Mikrofon hin. „Reportage“, ruft er sofort laut aus.

Frau Schmidt und Herr Becker unterhalten sich über Fußball. Am vorherigen Abend war ein Länderspiel gewesen, über dessen Verlauf sie fachsimpeln. Ich interessiere mich nicht für Profi-Fußball, aber Rainer als echter Dortmunder mischt sich irgendwann kurz in die Unterhaltung ein.

2 Kommentare zu “Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

  1. Pingback: Wie interviewt man Taubblinde: Nur keine Berührungsängste! | Franz-Josef Hanke

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