Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

foto:altemenschenVorlesestunde im Vaubblindenzentrum in Hannover: Mittels eines Streifenschreibers wird eine Geschichte in Braille getippt und von den Taubblinden nacheinander gelesen. (Foto: Rainer Wohlfahrt)

Anschließend gehen wir in die Reha-Abteilung, wo Jürgen Schreier uns bereits erwartet. Außer ihm sitzt auch Frau Teesfeld hier. Als echte Ostfriesin hat sie die meisten Mitarbeiter in die Kunst des Ostfriesen-Tees eingeführt. „Das ist eine echte Zeremonie“, erklärt Heer Schreier.

Frau Teesfeld berichtet mir von ihrer Erblindung und Ertaubung. Ihre Sprache ist angenehm normal; doch kann sie keine Fragen von mir verstehen. Frau Tesfeld leidet Hand dem überaus seltenen Refson-Syndrom. Jürgen Schreier erklärt uns diese Stoffwechselerkrankung: “

Da sie meine Fragen nicht hören kann, erzählt Teesfeld von sich aus ihre Lebensgeschichte:

Ich versuche, Frau Teesfeld meine Fragen in Blockbuchstaben in die Hand zu schreiben. Sie versteht mich zunächst, ist jedoch schon bald ermüdet. Sie nimmt meine Hand und schlägt vor, dass meine Hand die Schrift mit ihren Fingern auf die Tischplatte malt. Doch auch dieses Verfahren kann sie nicht allzu lange durchhalten. Die lateinischen Buchstaben sind einfach zu kompliziert, um längere Texte aus ihnen zu ertasten. Ich ärgere mich, dass ich nicht lormen kann.

Frau Teesfeld erklärt mir zwei einfache Gesten: „Wenn Sie ihre Hand auf mich zu kippen, dann heißt das Ja; wenn Sie sie zur Seite hin schütteln, heißt es Nein!“ Das entspricht dem Nicken und Schütteln des Kopfes, denke ich.

Frau Teesfeld zeigt mir auch die ersten Buchstaben des Lorm-Alphabets. Es ist jedoch für mich an diesem Abend schon zu spät für eine größere Lerneinheit. Außerdem müssen wir uns von Frau Teesfeld verabschieden, weil wir uns mit Jörg Neu zur Musikgruppe verabredet haben.

Rainer begleitet mich zum Hauptbahnhof. Er wird noch einen Tag in Hannover bleiben, um seine Bildserie zu vervollständigen. Ich hingegen muss erst einmal die letzten vier Tage verarbeiten. In der Straßenbahn beschreibe ich ihm meine Empfindungen: „Noch nie habe ich eine so intensive Reportage gemacht. Ich habe das Gefühl hier einen großen Reichtum erworben zu haben. Eigentlich müssten alle Menschen einmal in ihrem Leben für ein paar Tage hierherkommen, wenn das für die Menschen hier nicht eine so große Belästigung wäre!“

Später im Zug fällt mir ein, woher mir dieses Gefühl größter Zufriedenheit, Freude und tiefster Zärtlichkeit bekannt ist: So etwa habe ich mich gefühlt, wenn ich mich gerade verliebt hatte. Ein großer Unterschied ist aber, dass ich hier keinerlei Angst habe. Ich kann wiederkommen, wann immer ich möchte. Werde ich wiederkommen? Auf diese Frage habe ich Frau Teesfeld geantwortet, indem ich meine Handfläche auf sie zu gekippt habe.

2 Kommentare zu “Ihre Wahrheit ist Berührung: Besuch beim deutschen Taubblindenwerk

  1. Pingback: Wie interviewt man Taubblinde: Nur keine Berührungsängste! | Franz-Josef Hanke

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