Genehmigt und verschlimmbessert: Hinterher mutieren manche Interviews zu desperaten Doktorarbeiten

Lange Zeit war es üblich, dass Journalisten sich Interviews von ihren Gesprächspartnern autorisieren ließen. Die Kritik an diesem Vorgehen nimt jedoch aus gutem Grund zu.

Wer häufiger Interviews mit Wissenschaftlern über ihre Forschung geführt hat, hat wahrscheinlich schon einmal das sture Beharren auf einer fachterminologisch korrekten Ausdrucksweise erlebt. Eine allgemeinverständliche Darsellung wird von vielen Forschern als fehlerhaft oder falsch empfunden.

Aber auch Interviews mit anderen Zeitgenossen werden bei späterer Autorisierung häufig verschlimmbessert. Hinterher wollen die Befragten alles noch genauer oder umfassender ausdrücken und verwerfen dabei ihre lebendige Sprache bim Interview zugunsten einer hölzern daherstolzierenden Ausdrucksweise.

Besonders extrem war einmal eine Selbsthilfegruppe für Eltern krebskranker Kinder. Um das heikle Thema angemessen darzustellen, hatte ich den beiden Interviewpartnerinnen meinen Text zugemailt, damit sie ihn noch einmal durchgehen konnten. Als ich nach 14 Tagen nachfragte, erhielt ich die Auskunft, der Vorstand habe sich noch nicht getroffen.

Allen Ernstes hatte der Verein vorgehabt, über jeden einzelnen Satz im Vorstand abzustimmen. Draufhin habe ich erklärt, dass ich entweder umgehend eine Freigabe erhalten oder sonst gar keinen Text über den Verein veröffentlichen werde.

Seither bestehe ich darauf, dass Gesprächspartner mir nicht ins journalistische Handwerk pfuschen. Wer in meine Texte eingreifen will, wird weder befragt noch veröffentlicht. In aller Regel ist das Ergebnis dieser Vorgehensweise sehr gut.

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Ein Kommentar zu “Genehmigt und verschlimmbessert: Hinterher mutieren manche Interviews zu desperaten Doktorarbeiten

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