Kinder, die Kommunisten kommen: Treibt Bonn den Notstand aus

„Treibt Bonn den Notstand aus!“ Plakate und Aufkleber mit diesem Slogan hingen seit Wochen überall in der Stadt. Mit einem „Sternmarsch auf Bonn“ wollten die Gegner der Notstandsgesetze die Große Koalition unter Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger am 11. Mai 1968 von dieser weitreichenden Verfassungsänderung abbringen.

„Die Kommunisten kommen“, raunten die Erwachsenen einander erschrocken zu. „Ihr habt schulfrei“, verkündeten die Lehrer zur großen Freude der Bonner Schüler.

Damals hatten wir samstags noch Schulunterricht. An diesem sonnigen Samstag jedoch wollte niemand uns zumuten, quer durch die Stadt zur Schule zu gelangen. Dabei hätten wir ja auf Kommunisten treffen können!

„Kommunisten sind schrecklich“, hatte man uns verkündet. „Sie haben lange Haare und sind furchtbar schmutzig. Alle Kommunisten werden von Moskau oder der DDR gesteuert.“

Immerhin hatten diese schrecklichen Langhaarigen uns zu einem schulfreien Tag verholfen. Das war doch etwas Erfreuliches!

Ohnehin waren die Warnungen vor diesen Kommunisten so vehement, dass wir uns diese Unmenschen gerne selber ansehen wollten. Irgendwie mussten diese Bestien doch etwas haben!

„Kommunisten sind nur ganz wenige“, lautete eine andere Aussage. Merkwürdig war dann aber, dass um diese wenigen Wesen so viel Aufhebens getrieben wurde.

Im Februar 1968 war unsere Familie auf den Venusberg gezogen. Von der nahe gelegenen Casselsruhe aus konnte man von oben die südlichen Stadtteile Bonns aus sicherer Entfernung gut überblicken.

Also liefen meine beiden älteren Brüder mit mir zum Aussichtspunkt an der Casselsruhe. Dort warteten wir neugierig, ob wir von diesen Kommunisten wohl etwas mitbekommen würden.

Irgendwann ertönten dann tief unten im Tal Sprechchöre. Allmählich wurden sie lauter und immer noch lauter.

Wie eine Ameisenstraße zog sich unten in Kessenich ein endloser Strom von Menschen durch die Straßen. Wenige waren das wahrlich nicht!

„Benda, wir kommen“, riefen sie in Anspielung auf den damaligen Innenminister Ernst Benda. Dann fügten sie hinzu: „alle aus dem Osten. Ulbricht zahlt die Kosten.“

Wenn sie wirklich von Moskau finanziert worden wären, würden sie darüber wohl kaum solche Scherze machen, dachten wir uns. Ohnehin stimmte ja auch die Angabe der Erwachsenen über die angeblich geringe Zahl dieser Kommunisten augenscheinlich nicht mit ihrer wahren Masse überein.

So brachen in einem Jungen an einem sonnigen Maisamstag die Bilder auseinander, die man ihm in den Jahren zuvor über die Politik in der Bundesrepublik eingetrichtert hatte. Offiziell wurde die Zahl der Demonstrierenden damals mit 50.000 angegeben; aber höchstwahrscheinlich lag sie weit über dem Doppelten davon.

Jahre später traf ich hier und da Leute, die damals mit dabeigewesen waren in Bonn. Uli Fischer war seinerzeit schon im Allgemeinen Studentenausschuss (AStA) der Freien Universität (FU) Berlin sowie im Sozialistischen Deutschen Studentenverband (SDS) aktiv.

Helmut war ebenso Schüler in Bonn gewesen wie ich. Er hatte beobachtet, wie Polizisten vor einem Kino grundlos auf Demonstranten einprügelten.

Ihn wie auch mich hat dieser heiße Samstag wohl politisiert oder zumindest ein Stück weit an Politik herangeführt. Für uns blieben „Die 68er“ für lange Zeit ein Mythos, dem wir mit großer Bewunderung begegneten.

Später sind wir dann selbst in so mancher Demonstration mitgelaufen. Vielleicht haben wir damit ja andere Jugendliche ähnlich beeindruckt wie Uli und seine Mitstreiter am 11. Mai 1968 uns.

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