10. Juni: Ronald Reagan schwebte über unsere Köpfe hinweg

„10. Juni“ ist der Titel eines Hits der Kölner Band „BAP“. Geschrieben wurde er zur großen Friedensdemo am 10. Juni 1983. Auch ich war damals mit dabei.

Gemeinsam mit dem heutigen Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann und weiteren Mitstreitern im Allgemeinen Studierenden-Ausschuss (AStA) habe ich Busse bestellt und Busfahrkarten nach Bonn ausgegeben. Bald entpuppte sich das als erhebliches Problem. Denn rund um Marburg war schließlich kein Bus mehr aufzutreiben.

Einerseits lag das an der Zurückhaltung mancher Busunternehmer gegenüber den „Chaoten“ von der Friedensbewegung; vor allem aber war dafür die riesige Zahl der Mitreisenden verantwortlich.

Die kleinsten Busbetriebe im Umland bis zu 60 Kilometern Entfernung haben wir angerufen. Oft hatten sie ihre Fahrzeuge auch schon an örtliche Friedensgruppen vergeben.

Dank meiner Kenntnisse über die Busbranche und des beharrlichen Telefonierens vor allem des JuSo-Vertreters Feldmann konnten wir schließlich alle Demonstrationswilligen mit Sitzplätzen versorgen.52 Busse rollten schließlich von Marburg nach Bonn.

Hinzu kamen Züge aus anderen Städten sowie viele, die sich im Auto oder bereits vor dem Demonstrationstag auf den Weg in die damalige Bundeshauptstadt gemacht hatten. Natürlich nahmen auch Bonner und Leute aus der näheren Umgebung an der Großdemonstration auf der rechtsrheinischen Rheinaue teil.

Als Parkplatz am Zielort wurde den Busfahrern das – soeben fertiggestellte –
Autobahnteilstück zwischen Pützchen und Ramersdorf zugewiesen. Auf mehr als vier Kilometern standen hier die Reisebusse schräg zur Fahrtrichtung nebeneinander. Mehrere tausend Busse dürften am 10. Juni 1983 nach Bonn gekommen sein mit durchschnittlich wohl gut 40 Mitreisenden pro Bus.

Entlang dieser beeindruckenden Reihe unterschiedlichster Bustypen aus allen Teilen Westdeutschlands liefen wir nun mit unseren Transparenten und der obligatorischen schwarzen Fahne mit dem weißen „B“ darauf durch die östlichen Bonner Stadtteile. Heiß war es an diesem Samstag, sodass wir alle stark schwitzten auf unserem Zug zur Rheinaue.

Einige Anwohner spritzten mit Gartenschläuchen diejenigen Demonstranten nass, die diese wohltuende Abkühlung gern in Anspruch nahmen. Wahrscheinlich hat fast jeder auf dem kilometerlangen Weg durch Limperich und Küdinghoven mehrmals diese kühlende Dusche in Anspruch genommen.

In vielen Fenstern hingen Friedenstauben. Aus manchen Fenstern erschollen Anti-Kriegs-Lieder und sonstige Musik. Die Stimmung war freundlich und friedlich.

Auf der Rheinaue drängten sich dann schätzungsweise 500.000 Menschen. Gegenüber auf der anderen Rheinseite befand sich der Bundestag.

Zum Gipfeltreffen mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl war US-Präsident Ronald Reagan nach Bonn gekommen. Ihm galt der Protest gegen die sogenannte „Nachrüstung“ der NATO. Die Mehrheit der Menschen in Deutschland wollte keine Atomraketen zur Bedrohung der östlichen Nachbarländer.

Ein Atomkrieg hätte ganz Europa vernichtet. Das war jedem vernünftigen Menschen klar. Aber die Politiker zündelten mit den Atomraketen, um so den feindlichen Ostblock zur Aufgabe eigener Rüstungsprojekte zu zwingen.

Als ein US-Militärhubschrauber in Begleitung mehrer weiterer Helikopter über die Rheinaue hinwegflog und auf der gegenüberliegenden Rheinseite niederging, da ertönte ein gigantisches Pfeifkonzert. Die Demonstrierenden vermuteten, dass Reagan über ihre Köpfe hinweg schwebte. Immerhin muss er gesehen haben, wie gigantisch groß die Menge der Gegendemonstranten war.

War ich bei den anderen Friedensdemos immer nah an die Bühne herangekommen, so war das am 10. Juni 1983 absolut unmöglich. Zu groß war die Zahl der Demonstrierenden, um eine realistische Chance zu haben, sich der Bühne auch nur auf wenige hundert Meter zu nähern.

Kaum erkennen konnten die Leute rings um mich herum die Personen auf der Bühne. Immerhin wurden ihre Reden und ihre Musik durch Lautsprecher überall im Park deutlich hörbar übertragen.

Seither sind einige Lieder von „BAP“ für mich mit Erinnerungen an diesen Tag behaftet. Das gilt nicht nur für „10. Juni“, sondern auch für „Kristallnacht“. Viele Bilder von dieser großen Demonstration der Stärke friedlicher Demokraten erscheinen vor meinem „Inneren Auge“, wenn auch der 10. Juni 1983 schon „Verdammt lang her“ ist.

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12 Kommentare zu “10. Juni: Ronald Reagan schwebte über unsere Köpfe hinweg

  1. Demonstriert haben wir dereinst bis zum Anschlag. Mehrere Wochen lang komplett gefastet noch dazu. (Ich hatte nie eine so gute Kondition wie in dieser Fastenzeit.) In Radio-Interviews und auf Friedenskonzerten die Bevölkerung mobilisiert und unser Anliegen erklärt. Wochen lang unsere gesamte Zeit und Kraft und Seele darin investiert.
    Was hat ’s gebracht? Die Pershing 2 kamen trotzdem. Die Oberen der westlichen Welt haben sich eiskalt, zynisch lächelnd über den klaren Willen der weit überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung hinweg gesetzt. Und damit die Friedensbewegung dieses Landes ad Absurdum geführt.
    Kein Wunder, dass sich in den meisten Städten des Landes seit dem nur noch zwei bis allenfalls drei Dutzend Leute dazu aufraffen können, an den jährlichen Ostermärschen teilzunehmen.
    Von allen politischen Aktionen, an denen ich mich in meinem Leben beteiligt habe, habe ich mich danach nie derart hilflos, verkauft und verschaukelt gefühlt, wie nach dieser.
    Ich bin seit dem nie wieder auf einer Demo gegangen und werde das auch nicht mehr tun. Denn ich habe gelernt: Wenn es darauf ankommt, interessiert es den Mächtigen der Welt keinen Dreck, was die Bevölkerung von deren Tun hält, solang diese nicht – wie im arabischen Frühling – zu den Waffen greift und die Bosse mit vorgehaltener Waffe außer Landes jagt oder gleich an Ort und Stelle hinrichtet.
    Wenn es wieder mal eine politische Schandtat geben sollte, die ich um jeden Preis verhindern will, werde ich mich an der Waffe ausbilden lassen. Soviel ist mal sicher. Denn das Einzige, wovor die Mächtigen der Welt sich wirklich fürchten, ist, nicht mit dem Leben davon zu kommen. Und das wiederum, wäre mir völlig egal.

  2. Uwe,
    die von Dir hier geäußerte Haltung ist brandgefährlich. Gewalt kann nie ein probates Mitttel der politischen Auseinandersetzung sein.
    Gewalt führt häufig zu Gegengewalt. Gewalt erleichtert die Legitimierung von Repression. Gewalt bringt Unbeteiligte in Gefahr.
    Als überzeugter Humanist und Pazifist spreche ich jedem das Recht ab, über das Leben und die körperliche Unversehrtheit anderer Menschen zu entscheiden. Auch politische Gegner sind Menschen, die Respekt verdienen, selbst wenn ihr Handeln zu bekämpfen ist.
    Dieser Kampf muss aber immer mit friedlichen Mitteln stattfinden. Jede Gewalt gefährdet das friedliche Zusammenleben der Menschen. Deshalb lehne ich Gewalt entschieden ab.
    Außerdem bin ich nicht der Meinung, dass die Friedensbewegung der frühen 80er Jahre nichts erreicht hätte. Nicht zuletzt auch wegen der Friedensbewegung in Ost und West ist der sogenannte „Ostblock“ schließlich zusammengebrochen.
    „Schülerhafte Eselei“ nannte Karl Marx das Vorgehen von Bakunin, der die sozialistische Revolution mit Bomben und Attentaten durchsetzen wollte. Gewalt ist nicht nur die dümmste „Lösung“, sondern auch die Unmenschlichste. Wer Gewalt ausübt, der tut sich damit selber Gewalt an.
    „Frieden schaffen ohne Waffen“, lautete in den 80er Jahren eine Losung der Friedensbewegung. Gewaltfreie Aktionen von Menschen wie Mahatma Ghandhi und Nelson Mandela beweisen, dass gewaltfreier Widerstand durchaus wirksam sein kann.
    Eine gewaltfreie Welt ist möglich. Sie ist nur mit gewaltfreien Mitteln zu erreichen.
    „Mensch bleiben!“ Diese Aufforderung von Adolf Tegtmeier alias Jürgen von Manger gilt auch hier.
    Garantiert gewaltfreie Grüße
    fjh

    • Franz-Josef,
      1. Die Konsequenz deiner radikalen gewaltfreien Haltung können wir noch einmal diskutieren, wenn deine Freundin oder dein Kind in deiner Anwesenheit gewaltsam angegriffen wird und der Angreifer sich einen Furz um deinen Protest kümmert. Wenn das Opfer dann schwer verletzt im Krankenhaus oder tot im Kühlfach liegt, kannst du dich immerhin damit das Gewissen ruhig stellen, dass du immerhin konsequent gewaltfrei geblieben bist. Jedenfalls hat sich meine Einstellung zu Gewalt „schlagartig“ geändert, als einst meine Freundin vor meinen Augen zusammengeschlagen wurde und der Schläger für gutes Zureden nicht zugänglich war. Und meine Freundin hätte mit absoluter Sicherheit nie mehr ein Wort mit mir gesprochen, wenn ich da „gewaltfrei grüßend“ tatenlos zugeschaut hätte. Und nun komme mir bloß nicht damit, dass private oder öffentliche Notwehr keine Gewalt sei.
      2. Der „Ostblock“ ist mitnichten dank der Friedensbewegung untergegangen, sondern an seinen eigenen Fehlern und seiner eigenen politischen und wirtschaftlichen Ignoranz. Wobei es die Friedensbewegung in Ost- und West-Deutschland nicht einmal geschafft hat, zu verhindern, dass die komplette ehemalige DDR den kapitalistischen Interessen des Westens zum Fraß vorgeworfen wurde.
      3. Die Wirksamkeit von gewaltfreier Widerstand hat sich in dem Moment erledigt, wo die Mächtigen darauf mit brachialer tödlicher Gewalt antworten. Ich stamme übrigens aus einem Land, das einst mehreren Jahren „gewaltfrei“ der Besetzung der Deutschen Wehrmacht zuschauen musste und wo jeglicher Form „gewaltfreier“ Widerstand ohne Form von Prozess auf der Stelle mit der Todesstrafe durch Genickschuss geahndet wurde. Bis die alliierten Westmächten die Besetzung alles andere als gewaltfrei beendet haben. Und ich kenne in meinem Heimatland niemand, der darüber nicht sehr sehr froh war.
      4. Sind die tausenden Hingerichteten und Schwerverletzten, die im Rahmen ihres gewaltfreien Widerständler zu beklagen sind, moralisch eher zu legitimieren, als eben so viele Todesopfer und Schwerverletzen, die im Rahmen eines gewaltsames Widerstandes zu beklagen sind? Ist die körperliche Unversehrtheit eines gewaltfreien Widerstandlers weniger wert als die körperliche Unversehrtheit gewaltsamer Aggressoren? Also bitte, ab einen bestimmten Moment ist Gewaltfreiheit nur noch feige und eine unmenschlich zynische Gleichgültigkeit gegenüber Opfer von Gewalt. Gewaltfreiheit ist ein wichtiger Wert. Aber kein höherer Wert als der Schutz des Lebens von Gewaltopfer.
      4. Eine gewaltfreie Welt wird erst dann möglich sein, wenn Niemand aus Gewalt noch einen Nutzen ziehen kann. Und das, ob es einem nun gefällt oder nicht, wird es nicht geben, solang wirtschaftlicher Profit und militärische- bzw. Polizeigewalt in den gleichen Händen liegt.

      • Uwe,
        ich halte Deine Ausführungen für zynisch. Eine Legitimierung von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung kann und will ich nichzt akzeptieren.
        Dein Beispiel mit der Freundin, die vor Deinen Augen zusammengeschlagnen wird, kennen wir in Deutschland zur Genüge aus KDV-Verfahren. Kriegsdienstverweigerern wurde damit ihre pazifistische Grundhaltung ausgetrieben.
        Insofern werde ich auf weitere Rechtfertigungen einer gewaltsamen politischen Auseinandersetzung nicht mehr eingehen und alle blockieren, die dieses Blog dafür missbrauchen.
        fjh

  3. Franz-Josef,
    Im betreffenden Fall handelte es sich mitnichten um eine theoretische Diskussion in ein KDV-Verfahren, sondern um brutale Realität, die ich real erlebt habe, aber die du nicht anzuerkennen wünscht, weil sie dir nicht ins bequeme Weltbild passt.
    Ich missbrauche deinen Blog nicht, sondern setze mich mit deinen Argumenten auseinander. Bei dir dagegen handelt es sich offenbar nicht um Argumente, sondern um eine Doktrin, die du nicht in Frage stellen lassen willst.
    Ich achte Menschen, die sich gewaltlos widersetzen, und wo immer möglich tue ich das auch. Ich befürworte nicht Gewalt, wo sie nicht unumgänglich ist. Aber ich achte auch Menschen, die dort, wo Gewaltlosigkeit nur noch zu Unmenschlichkeit führt, ihr Leben riskieren und opfern, um ihre Mitmenschen ein Leben in Sicherheit und Würde zu geben.
    Hätten die Alliierten damals nicht meine Heimat befreit, wären es wohl heute noch ein besetztes Land und deine Heimat womöglich immer noch in der Hand der Faschisten.
    Ob du diese Auseinandersetzung nicht zu führen im Stande bist, ist mir einerlei.
    Ob man seinen Mitmenschen der brutalen und unmenschlichen Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt aussetzt, ohne etwas dagegen zu unternehmen, dagegen nicht.

  4. Pingback: Von der Gewaltlosigkeit und der Unfähigkeit, sich offen der Diskussion zu stellen. | Der alte Phönix - De ouwe feniks

  5. Uwe,
    Dein Beispiel von einem Angriff auf die Freundin ist dermaßen abgegriffen, dass ich es Dir nicht abnehme. Aber selbst, wenn das wahr

    wäre, wäre es dennoch kein Grund, daraus die Forderung nach Gewalt gegen Politiker abzuleiten.
    Wer Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung propagiert, der spielt mit dem Feuer. Er hat entweder nicht über die Folgen für

    Unbeteiligte nachgedacht oder nimmt sie billigend in Kauf. Gewalt ist nie ein Weg, den man wählen oder propagieren kann!
    Als überzeugter Pazifist bin ich nicht bereit, auf meinem Blog über die Rechtfertigung von Gewalt zu diskutieren. Wer derartige Debatten

    führen möchte, möge das bitte anderswo tun!
    Mein Blog ist kein öffentliches Forum für Militante, sondern ein persönlicher Beitrag zu geschichtlichen, sozialen und berufsbezogenen

    Fragestellungen. Es ist nicht respektlos, wenn ich Debatten ablehne, die ich für gefährlich halte.
    fjh

    • Du zeihst mir also der Lüge. Als ob solches, wie ich es erlebt habe, hierzulande so gar nie wirklich vorkäme. Nun, es ist kein Beispiel, sondern meine konkrete Erfahrung, die mir damals eine schwere Hirnerschütterung und diverse Hämatome hinterlassen hat. Schade, dass mein damaliger Arzt nicht deiner Ansicht war. Der hätte mir dann sagen können, dass ich mich das Ganze nur eingebildet habe.
      Und du bist offenbar der Ansicht, dass mein eins besetztes Heimatland nicht das Recht hatte, sich gewaltsam von den Besatzungsmacht zu befreien. Tolle Ansicht. Schade, dass meine Eltern nicht mehr leben, die hätte sich über deine Ansicht gewiss sehr gefreut.
      Wer eine Debatte nicht führen will, weil er sie für „gefährlich“ hält, sagt damit aus, dass er sich mit Andersdenkenden nicht auseinandersetzen will und sich weigert, seinen Verstand zum kritischen Hinterfragen eigener Ansichten zu nutzen. Das kenne ich in diesem Land sehr gut, diese Denkverbote und diese Dogmen, diese Weigerung, sich der Auseinandersetzung zu stellen. Komisch, dass da keiner merkt, wie faschistoide diese Haltung des „ich habe Recht und das darf nicht in Frage gestellt werden“ ist.
      Du hast wohl recht, mit dir eine Debatte zu führen, ist offenbar unmöglich. Werde mal Glücklich mit deinen Scheuklappen und deinen Denkverbote, mit deinem Brett vor der Stirn und deine Halsstarrige Weigerung, die unbequeme Realität als gegeben anzuerkennen. Genau diese Haltung der politischen Dogmen und Denkverbote, der Weigerung der Auseinandersetzung und der Verleumdung als gefährlicher Lügner von wer es wagt die Wahrheit zu sagen, hat in der jüngsten Geschichte dieses Land zweimal in den Untergang geführt. Einmal von rechts und einmal von links.
      Und ich, naiver Mensch, dachte, dass Journalisten nicht etwa Dogmen und Doktrinen verpflichtet sind, wie ein Bischof oder Priester, sondern der Wahrheit …

      • Nur noch Eines: Du behauptest, ich propagiere Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung. Entweder ließt du nicht was ich schreibe, oder du verleumdest mich absichtlich.
        Ich propagiere keineswegs Gewalt, weder im privaten, noch im öffentlichen Leben. In Gegenteil, ich verabscheue Gewalt und bemühe mich wo immer möglich, sie zu vermeiden.
        Ich akzeptiere aber das Recht auf gewaltsamer Notwehr, immer dann, wenn der gewaltlose Widerstand wegen massiver Repressalien nicht mehr möglich ist, oder wenn die erlittene private oder politische Unterdrückung und Gewalt zu nicht mehr zumutbaren und irreparable Schäden führt, und es deshalb dringend erforderlich ist, weitere Schäden von Einzelnen oder von einem Volk abzuwenden.
        Wer das Recht auf einer privaten und völkerrechtlichen Notwehr leugnet, akzeptiert, dass jeglicher Art der Unterdrückung und Massakrierung eines Menschen oder eines Volkes, die sich unbeeindruckt über den gewaltlosen widerstand hinwegsetzt, hinzunehmen sei.
        Genau das ist die Einstellung jener, die ihre Macht missbrauchen: „Du, Opfer, darfst, wenn ich gerade mal großzügig aufgelegt bin, allenfalls protestieren. Aber wehren darfst du dich nicht.“ Deine Sprache, dein Denken, FJH, ist die Sprache und das Denken der Unterdrücker!

  6. Entschuldigt bitte, wenn ich mich einmische. Ouwe Feniks: Erst einmal: Eine Sprachausgabe liest Uwe, wenn man sich das Wort nicht buchstabieren lässt, meint man, du heißt Uwe. Nur zur Klarstellung. Zweitens: Deine Äußerung, du würdest dich an der Waffe ausbilden lassen, ist wirklich hart, und einige Äußerungen später ebenfalls. Man kann auf den Gedanken kommen, du rechtfertigst Gewalt als Mittel privater und politischer Auseinandersetzungen, deine Äußerungen sind zumindest missverständlich. Wenn ich dich nicht besser kennen würde, wäre ich auch noch mehr entsetzt. FJH: Es gibt einen Punkt, in dem ich dem alten Phönix zustimmen muss: Ich bin froh, dass beispielsweise die Alliierten Deutschland und die von ihm unterjochten Nachbarländer befreiten. Das war nur gewaltsam möglich, nicht durch die Appeasement-Politik, die man ja durchaus auch ausprobiert hat. Es war die einzige Alternative zur Gewalt. Es gibt Augenblicke der Notwehr, wo man nicht anders kann, wenn man nicht selbstmörderisch handeln will. Im Privaten sehe ich so etwas nur dann als gegeben an, wenn man unmittelbar an Leib und Leben bedroht wird, dann debattiert man nicht. Es sind vermutlich Momente, wo die Angst und der Überlebenswille stärker sind. Wir können nur hoffen, dass wir nie in eine solche Situation geraten. Ich glaube, ich wäre dann gar nicht fähig, etwas gewaltsames zu tun, aber das bedeutet dann eben auch, dass ich von vorne herein der Unterlegene bin. Zurück also zum ersten Punkt: Was hätten Belgien, Luxemburg, die Niederlande, Dänemark, Norwegen, Frankreich, Jugoslawien, Griechenland, Rumänien und die UDSSR tun sollen, um den gewaltsamen deutschen Einmarsch friedlich zu bekämpfen oder gar zu verhindern? Was hätten die USA und Großbritannien tun sollen?

  7. Hallo Jens,
    Der „ouwe feniks“ kann von mir aus auch „Uwe“ heißen. 🙂

    Selbstverständlich war meine Äußerung, ich würde mich unter gegebenen Umständen an der Waffe ausbilden lassen, provokativ. Und trivial dazu. Denn allein schon auf Grund meines Alters und meiner körperlichen Kondition wäre das schlicht lächerlich. Mitunter ist es nötig, zu provozieren, um ein Überdenken von Positionen zu veranlassen. Um Denken anzustoßen, ist mitunter „Anstößiges“ nötig. Zeigen wollte ich damit in die Richtung, dass es durchaus Situationen geben kann, in denen der sgn. „bürgerliche“ Widerstand völlig obsolet ist und einem keinen anderen Weg als die Waffe bleibt, um das Volk aus einer nicht mehr hinnehmbare Unterdrückung zu befreien.

    Daraus abzuleiten, ich rechtfertige oder propagiere gar die Gewalt als „Mittel privater oder politischer Auseinandersetzungen“ ist ein schlimmer Denkfehler, die zu einer bösen Verleumdung führt. Allerdings wundert es mich kein Bisschen, dass es zu diesem Vorwurf kam.
    Es ist nämlich die typische Form der in diesem Land üblichen gesellschaftlichen Kontroversen, in der es immer nur Schwarz oder Weiß gibt, in der alles sofort bis ins Extreme polarisiert wird, wo Zwischentöne der Farbskala gar nicht erst gedacht, geschweige denn, dem Gegenüber zugebilligt werden.
    Ergo wird jemand, der sich durchaus vorstellen kann, in bestimmten Situationen auch Gewalt als ein legitimes Mittel des Widerstandes zu betrachten, ohne weitere Nachfragen, und schon mal gar ohne jegliche weitere Diskussionsbereitschaft in der Ecke des Gewalt-Befürworters befördert.
    Dass es zwischen der extrem-pazifistischen Einstellung der Gewaltlosigkeit ohne Wenn und Aber, und der Befürwortung von Gewalt als alltägliches Mittel zur Lösung privater und politischer Konflikte, noch hunderte Schattierungen differenzierter Positionen geben kann, wird gar nicht erst in Betracht gezogen.
    Ja, dafür müsste man ja auch erst mal nachfragen und gemeinsam darüber diskutieren. Aber da es im hiesigen gesellschaftlichen Denken, vor allem der politisch und medial Tätigen fast immer nur Schwarz und Weiß gibt, erübrigt sich das. (Aber den Tod eines hoch differenziert denkenden Walter Jens betrauern, ja, das wohl! Wie lächerlich.)
    Da wird mit absoluter Selbstverständlichkeit und vor allem mit absoluter Selbstgerechtigkeit jeder, der nicht haargenau so denkt wie man selbst, auseinandersetzungsmäßig sozusagen standrechtlich erschossen. Und das, mein lieber Jens, ist die höchste Form der rationalen Gewalt, die man einem anderen Menschen antun kann. Von wegen gewaltfrei und pazifistisch!
    Wenn solches dann auch noch von einem Journalisten kommt, der sich regelmäßig anmaßt, anderen ob der Benutzung ihrer Sprache zu belehren, wird es vollends trivial. Die gesellschaftspolitische Kontroverse wie ein Grabenkrieg führen, aber in der Grammatik und im Duktus bitte in einer einwandfreien deutschen Sprache, ja? Und so jemand rühmt sich des radikalen Pazifismus? Das ich nicht lache!

    Meine eigene tatsächliche Position zur Gewalt ist die des gewissenhaften ultima ratio: Absolut Gewaltfrei, wo immer es innerhalb eines zumutbaren Zeitrahmens zu einem redlichen Ergebnis der Konfliktlösung führen kann. Aber wenn das offensichtlich nicht (mehr) möglich ist oder wenn Lebensgefahr in unmittelbarer Verzug ist, sehe ich eine sofortige, aber niemals stärker als die wirksame und ausreichende Gewalt als ethisch völlig legitimiert an.

    Aber zum Verständnis einer solchen Position bedarf es der Diskussion und der offenen Auseinandersetzung ohne Vorverurteilung. Also ein pazifistische Kultur der sprachlichen Kontroverse. Wer sich anmaßt, als radikaler Pazifist zu gelten, sollte zu so etwas in der Lage sein, so scheint mir.

  8. Uwe,
    ich halte Deine Ausführungen für zynisch. Eine Legitimierung von Gewalt als Mittel der politischen Auseinandersetzung kann und will ich nichzt akzeptieren.
    Dein Beispiel mit der Freundin, die vor Deinen Augen zusammengeschlagnen wird, kennen wir in Deutschland zur Genüge aus KDV-Verfahren. Kriegsdienstverweigerern wurde damit ihre pazifistische Grundhaltung ausgetrieben.
    Insofern werde ich auf weitere Rechtfertigungen einer gewaltsamen politischen Auseinandersetzung nicht mehr eingehen und alle blockieren, die dieses Blog dafür missbrauchen.
    fjh

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