Tag der Deutschen Einheit am 17. Juni: Die Wiedervereinigung der ewig Gestrigen

Der 17. Juni war der „Tag der Deutschen Einheit“. Das galt von 1954 bis zur Wiedervereinigung im Jahr 1990. Als Schüler war dieser Tag für mich in erster Linie ein Feiertag ohne anstrengenden Unterricht und strenge Lehrer.

Der 17. Juni war ein Tag salbungsvoller Reden von der Wiedervereinigung. Doch bis Anfang 1989 hat in der Bundesrepublik kaum jemand noch an die Wiedervereinigung geglaubt. In Sonntagsreden wurde sie zwar gebetsmühlenartig prophezeit, doch im Alltag spielte sie spätestens seit der „Ostpolitik“ des SPD-Bundeskanzlers Willy Brandt keine ernst zu nehmende Rolle mehr.

Für die Aussöhnung mit Polen und den Grundlagenvertrag mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurden Brandt und die SPD als „vaterlandslose Gesellen“ beschimpft. Die Beschwörung der Wiedervereinigung war aber ein Ritual, das von Jahr zu Jahr immer peinlicher wurde.

Bereits in den 60er Jahren hatte der Kabarettist Wolfgang Neuß die hinterlistige Gleichung formuliert: „Es gibt drei Eigenschaften eines Deutschen, von denen jeweils zwei die dritte ausschließen. Das sind Intelligenz, Ehrlichkeit und Wiedervereinigungsgläubigkeit.“

Manchem zuhörer musste er das dann noch erklären: „Entweder ist man intelligent und ehrlich; dann ist man nicht wiedervereinigungsgläubig: Oder man ist ehrlich und wiedervereinigungsgläubig; dann ist man nicht intelligent. Oder aber man ist intelligent und wiedervereinigungsgläubig; dann ist man nicht ehrlich.“

Diese Aussage leuchtete mir ein. Sie passte zu der selbstgerechten Verlogenheit vieler konservativer Politiker und Vertriebenenfunktionäre, die damit einen scharfen politischen Kurs rechtfertigten. Zur „Ostpolitik“ gab es meiner Überzeugung nach aber keine ernsthafte Alternative.

Mich jedenfalls haben die Reden zum 17. Juni immer genervt. Tränentriefende Trauer um die „armen brüder und Schwestern in der Ostzone“ michte sich da oft mit revanchistischen Forderungen nach einem „freien Deutschland“ von der Maas bis an die Memel.

Allerdings war ich auch kein Freund der Fraktion jener „Linken“, die die DDR gerechtfertigt hat. Menschenrechtsverletzungen dort waren schließlich offenkundig.

Zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen habe ich das bei der Klassenfahrt nach Berlin. Später habe ich dann außer der Berliner Mauer auch den Grenzzaun in Osthessen gesehen und die Kontrollen an den Grenzübergängen dort erlebt.

Der Volksaufstand am 17. Juni 1953 in der DDR hat mich in jedem Fall erschüttert. Peinlich berührt hat mich aber, wie vor allem konservative Kreise ihn für ihre revanchistischen Parolen missbraucht haben.

Mein herausragender Deutsch- und Religionslehrer stammte aus dem Umfeld der Bekennenden Kirche. Er machte die Schüler 1973 mit einem Gedicht von Bertolt Brecht bekannt. „Die Lösung“beschrieb Brecht in seinem gleichnamigen Gedicht mit der Frage: „Wäre es da Nicht doch einfacher, die Regierung Löste das Volk auf und Wählte ein anderes?“

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