Die kürzeste Nacht des Jahres: Sommersonnenwende am 21. Juni

Kurz nach Mitternacht sind starke Regenschauer über Marburg hinweggezogen. Das dazugehörige Gewitter indes ist in größerer Entfernung an der mittelhessischen Universitätsstadt vorbeigezogen. Der kalendarische Sommer jedenfalls hat eher feucht als fröhlich begonnen.

Die Nacht auf den 21. Juni ist die kürzeste Nacht des Jahres. Ebenso wie zur Wintersonnenwende begingen naturnahe Völker auch die Sommersonnenwende mit besonderen Feierlichkeiten.

Brennende Reifen aus Holz ließen die Germanen einst die Berge hinunterrollen. So bewegte sich ein helles Leuchten von himmlischen Höhen hinab ins Tal.

Ein Schulkamerad von mir hatte irgendwo etwas über diesen Brauch gelesen. Auch er wollte gemeinsam mit seinen Schulfreunden eine Sommersonnenwendfeier veranstalten. So lud er uns ein nach Oedekoven ins Haus seiner Eltern.

Dieses Haus stand ganz oben auf dem Berg, an dessen Hang sich enge verwinkelte Gassen mit Fachwerkhäusern von der Ebene hinaufziehen bis ganz nach oben. Dort wohnte damals mein Schulkamerad.

Einige Mühe hat es uns gekostet, ihn von seinen Plänen abzubringen. Wir wollten uns lieber nicht vorstellen, was die brennenden Reifen beim Hinabrollen durch das alte Dorf alles hätten anrichten können.

Besoffen waren wir damals alle. Trotzdem waren wir nüchtern genug, unserem Gastgeber diesen Plan auszureden.

Sommersonnenwendfeiern sind inzwischen leider eher ein Erkennungszeichen faschistoider Brauchtumspflege. Unser Mitschüler war solcher Gesinnungen aber völlig unverdächtig. Kurz vor dem Abitur hat die SPD ihn sogar wegen allzu „linker“ Positionen aus der Partei ausgeschlossen.

Für mich hat die SPD sich mit genau dieser Entscheidung als Partei ausgeschlossen. Eine Mitgliedschaft in dieser undemokratischen Partei war danach für mich vollkommen undenkbar.

Die Sommersonnenwende hingegen sollte man – ebenso wie andere Traditionen unserer germanischen Vorfahren – auch nicht aus dem umfangreichen Fundus der Geschichte ausgrenzen und einfach den Neonazis überlassen. Die armen Germanen können sich gegen einen derartigen Missbrauch ihrer Kultur für reaktionär menschenverachtende Ideologien schließlich selber nicht mehr wehren.

Ihre Bräuche zur Sommersonnenwende, ihre Gottheiten Wodan oder Odin und Freia sowie Baldur sind Teil der gemeinsamen Geschichte Nordeuropas. Sie gehören uns allen als Bestandteil unseres kulturellen Erbes. Besser, als sie zu ächten, wäre wohl, wenn der mörderische Faschismus in all seinen undemokratischen Schattierungen endgültig in der Versenkung der Geschichte verschwände.

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