Vom DAI zum DAX: Ein Index über Werte und den Werteverfall an der Börse

Der Deutsche Aktienindex wurde am 1. Juli 1988 eingeführt. Damals war ich als Freier Journalist auch für den HR-Wirtschaftsfunk tätig. An die Zeit der Einführung des heute wichtigsten „Börsenbarometers“ erinnere ich mich noch gut.

Der DAX wurde gemeinsam von der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Wertpapierbörsen, der Frankfurter Wertpapierbörse und der Börsen-Zeitung entwickelt. Zunächst firmierte er noch unter der Abkürzung „DAI“. Aber bereits nach kurzer Zeit wurde er wegen des japanischen Klangs dieser Abkürzung in „DAX“ umbenannt.

Heute ist der DAX der wichtigste Leitindex der deutschen Wirtschaft. Inzwischen wird er von der Deutschen Börse AG in Frankfurt anhand der Handelswerte der 30 bedeutendsten deutschen Aktiengesellschaften im Sekundentakt elektronisch berechnet.

Vor der Einführung des Deutschen Aktienindex gab es im HR-Wirtschaftsfunk zahlreiche Interviews zum Für und Wider dieses einheitlichen Bewertungssystems sowie zum Verfahren seiner Berechnung. Die unterschiedlichen Indices der Frankfurter und der Düsseldorfer Börse, der Commerzbank und verschiedener Wirtschaftsredaktionen waren 1988 allerdings nicht mehr auf dem Stand des rasant wachsenden weltweiten Handels.

Dennoch war zumindest mir nicht klar, welche Bedeutung der DAX innerhalb der darauffolgenden 25 Jahre gewinnen würde. Zwar kannte ich den DOW-Jones und andere Börsenindices bereits aus meiner Jugend, doch waren sie für mich nicht gerade relevant. Die Veröffentlichung der Börsenkurse und ihre Einschätzung gehörten allerdings zum Kern der werktäglichen Sendungen des Wirtschaftsfunks im 1. Radioprogramm des Hessischen Rundfunks.

Um sie herum rankten sich aktuelle Wirtschaftsberichte und Firmenportraits oder der journalistische Blick auf spezielle Wirtschaftsentwicklungen und Märkte. Vor allem hier hatte ich mein Betätigungsfeld gefunden.

Bestreben der Redaktion war, die Wirtschaft und ihre Grundlagen allgemein verständlich zu machen. Gleichzeitig bewegten sich die Kollegen so integriert auf dem Frankfurter Börsenparkett, dass sie ohne die übliche Fachsprache kaum auskamen. Allerdings waren sie immer bestrebt, das Wirtschaftschinesisch in verständliches Deutsch zu übersetzen.

Mein Anspruch war und ist, wirtschaftliche Entwicklungen und Zusammenhänge so zu erklären, dass alle sie verstehen können. Schließlich prägt die Wirtschaft wie kaum etwas Anderes den Alltag und die Politik.

Nach und nach wurde das Dickicht der Derivate und spekulativen Finanzprodukte aber immer undurchschaubarer. Selbst Experten drangen kaum mehr durch durch das verästelte Gestrüpp oft bewusst undurchsichtiger Angebote. Sicherlich war das häufig auch Ziel derjenigen, die derartige Derivate an den Markt brachten.

Leerverkäufe und Futures sowie hochspekulative Derivate haben längst den Boden seriöser Aktiengeschäfte verlassen. Erklären kann ein seriöser Journalist dergleichen nur noch als „Spekulation auf die Dummheit der Geschäftspartner“.

Wenige trauten sich indes, „Des Kaisers neue Kleider“ als nacktes Täuschungsmanöver zu entblößen. Genau das aber wäre wohl die fürnehmste Pflicht eines guten Wirtschaftsjournalisten.

Auch den DAX sollte er einmal näher unter die Lupe nehmen. Seine achtstellige 8000er-Zahl bekundet nämlich nur die Verachtfachung der Gewinne von Aktien gegenüber dem Gründungsjahr 1988. Herausrechnen müsste man dabei die Inflation sowie die Änderungen der Aktiengesellschaften, die dem DAX zugrunde liegen.Letztlich ist der DAX ebenso wie die Eurostocks oder der DOW Jones nur ein Wegweiser, der eine Richtung aufzeigt. Für die breite Bevölkerung hat sich der Boom beim Aktienhandel indes als zu spekulativ herausgestellt, sodass die Menschen nun zu Recht zögerlicher geworden sind beim Aktienkauf.Gewonnen haben in all den Jahren die Banken. Durch die Bank haben sie versagt und verschleiert, wenn es im Handel mit Derivaten oder bei Leerverkäufen und anderen windigen Produkten problematisch wurde. Durch die Bank haben die Regierungen aber fast alle „gerettet“, wenn sie sich verspekuliert hatten.Eine seriöse und kritische Wirtschaftsberichterstattung ist deshalb nötiger denn je. Leider mangelt es jedoch an unabhängigen Journalisten und Redaktionen, die sie unbeeinflusst von wirtschaftlichen Interessen betreiben.

Nach wie vor beherrschen vernebelndes Fachchinesisch und unverständliche Zahlenfixiertheit auf den DAX, den DOW Jones oder andere Indices die Szene. Immer noch verstehen viele Wirtschaftsjournalisten sich als besonders gut informierte Anlageberater. Nach wie vor mangelt es an guten Berichten darüber, wie sich wirtschaftliche Trends und Entscheidungen direkt im Alltagsleben widerspiegeln.

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