Wer behindert ist, muss leiden: Das tödliche Mitleid der Aktion T4

Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (GezVeN) vom 14. Juli 1933 jährt sich heute zum 80. Mal. Dieser menschenverachtende Freibrief zur Diskriminierung und sogar Ermordung mehrerer hunderttausend Behinderter wurde erst 1974 vom Deutschen Bundestag aufgehoben. Das ist ein tiefdunkler Schatten auf der demokratischen Tradition der Bundesrepublik.

Ebenso wie dieses schändliche Gesetz haben nach dem Kriegsende 1945 auch diejenigen weitergewirkt, die das angeblich „lebensunwerte Leben“ vernichtet oder grausam misshandelt haben. Die schlimme Traditon der Euthanasie wirkt auf erschreckende Weise bis heute fort.

Auch ich wäre nach diesem Gesetz der „Verhütung“ oder gar Ermordung preisgegeben worden. Gleich zwei meiner Behinderungen fallen unter die Indikationen des GezVeN.

Während meine Blindheit offen zutage tritt, ist die zweite Behinderung im Indikationskatalog des GezVeN nicht offen sichtbar. Sie aber erregt selbst bei aufgeklärten Zeitgenossen mitunter viel erschreckendere Reaktionen als meine Blindheit.

„Wenn ich blind wäre, würde ich mir die Kugel geben.“ Welcher Blinde hätte solche ähnliche Äußerungen nicht schon einmal gehört? Meist kommen sie durchaus wohlwollend oder sogar anerkennend daher; dennoch tragen sie untergründig den Geist der Einstufung von Blindheit als „lebensunwertes Leben“ in sich.Eine bitterböse Interpretation lieferte ein blinder Bekannter, der diesen Satz ummünzte in die schreckliche Frage: „Warum hast Du Dich angesichts Deiner Behinderung eigentlich noch nicht ermordet? Warum lebst Du noch und liegst uns armen Steuerzahlern schmarotzendderweise auf der Tasche“

Bis 1988 hat es schändlicherweise gedauert, bis Euthanasie-Opfer als Verfolgte der Nazi-Diktatur anerkannt wurden. Erst am 9. Juli 2013 wurde an der Tiergartenstraße 4 in Berlin der Grundstein für eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Opfer der NS-Euthanasie gelegt.

Die Dienststelle „T4“ plante und organisierte die Sterielisierung von mehr als 400.000 Behinderten sowie die Ermordung weiterer knapp 200.000 Menschen. Ihr Geschäftsführer wurde für sein Mitwirken an diesem Mordprogramm von der bundesdeutschen Nachkriegs-Justiz aber lediglich wegen „Beihilfe zum 173.000-fachen Mord“ verurteilt

Auf dieses erschütternde Urteil hat Prof. Dr. Joachim Perels am 22. September 2012 in Kassel bei seiner Dankesrede zur Verleihung des Fritz-Bauer-Preises der Humanistischen Union (HU) hingewiesen. Immer wieder behaupteten Nazi-Mörder noch bis in die späten 80er Jahre hinein, sie hätten die Behinderten doch nur „von Leiden erlösen“ wollen.

Tief in meinem Gedächtnis verankert hat sich ein grandioses Hörfunkinterview, das der Journalist Lionel van der Meulen für den Hessischen Rundfunk (HR) mit dem blinden Pianisten Fritz Hartmann geführt hat. Hartmann und seine Schwester waren im Rahmen der Aktion „T4“ sterilisiert worden. Darüber zu sprechen, war für die Betroffenen noch mehr als 40 Jahre später peinlich, wenngleich es eigentlich peinlich sein müsste für alle diejenigen, die damals weggeschaut haben.

In seinem wunderbaren Theaterstück „Der Schlaf der Geige“ hat Willi Schmidt aus sehr einfühlsame Weise den Umgang der Menschen auf dem Dorf mit ihren betroffenen Angehörigen auf die Bühne gebracht. Selbst die Behinderten leugnen ihre Behinderung, weil sie vielleicht Furcht vor den Folgen haben. In der Gaskammer des Konzentrationslagers Hadamar endete das Leben für Epilepsiekranke mit tödlichem „Mitleid“ in Form von Blausäure.

„Mitleid“ ist etwas anderes als Mitgefühl. Mitleid setzt voraus, dass das bemitleidenswerte Gegenüber leidet.

Wer behindert ist, muss leiden. Leidet er nicht an seiner Behinderung, dann muss er eben an der Behinderung durch die Ignoranz seiner Mitmenschen leiden.

Der Ungeist behindertenfeindlichen Verhaltens macht sich trotz aller vermeintlichen Aufgeklärtheit schon wieder breit in Deutschland. Die Landesregierung von Sachsen-Anhalt möchte das Blindengeld drastisch kürzen.

Das Blindengeld soll den behinderungsbedingten Mehraufwand ausgleichen, den diese Beeinträchtigung mit sich bringt. Die Benachteiligungen im Alltag und auf dem Arbeitsmarkt kann kein noch so hoher Betrag wirklich aufwiegen. Wenigstens eine menschenwürdige Lebensführung fällt dank des Blindengeldes etwas leichter.

Haben Behinderte überhaupt eine Würde? Wäre die Antwort eindeutig „Ja“, würde man als Behinderter nicht immer wieder Beeinträchtigungen erleben, die oft entmündigend wirken. Da sprechen Angesprochene statt des Behinderten seine Begleitperson an oder Behörden verschicken wichtige amtliche Schreiben an Blinde in Schwarzschrift.

Noch trauriger sind die Verhaltensweisen, die ein Epilepsiekranker bei Mitmenschen mitunter beobachten kann. Selbst aufgeklärte Zeitgenossen stutzen und benehmen sich, als sei man blöd. Andere meiden den Kontakt, weil sie fürchten, im Fall eines Anfalls aktiv werden zu müssen.

Viel ist in den letzten Monaten die Rede von „Inklusion“. Die Eingliederung von behinderten in alle Bereiche des Alltags ist dringend notwendig, wie die Benachteiligung Behinderter augenfällig zeigt.

Notwendig ist aber auch eine konsequente Aufarbeitung der Verbrechen des Faschismus an Behinderten und Kranken. Der am 18. Mai 2013 verstorbene Frankfurter Publizist Ernst Klee hat dabei eine wichtige Rolle gespielt. Im Gedenken an die Opfer und ihren posthumen „Anwalt“ Klee müssen wir seine aufklärerische Arbeit fortsetzen.

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