Dem Volk auf´s Maul gehaut: 15 Jahre Schlechtschreibdeform

Textvorspann

Seit 15 Jahren sorgt sie in Deutschland für Haarausfall. Seither raufen sich Schüler, Lehrer, Journalisten, Schriftsteller und Lektoren verzweifelt die Haare über diesen ausgemachten Unsinn. In Kraft getreten ist die sogenannte „Rechtschreibreform“ am 1. August 1998.

Verdient hat sie ihren offiziellen Namen nicht. Vielmehr müsste sie eigentlich „Schlechtschweigdeform“ heißen.

Nach der Logik, die Sprache naturgemäß innewohnt, sucht man bei ihr häufig vergebens. Deshalb mag man denjenigen auch nicht so leicht vergeben, die dieses Machwerk verbrochen haben.

Auseinander geschrieben haben sie die deutschsprachige Welt in diejenigen, denen Sprache am Herzen liegt, sowie diejenigen, die ihre Texte einfach so herunter- und zusammenschreiben. Allein erziehend wollten sie sein für die Schreibenden, indem sie Alleinerziehenden ihre erzieherische Einsamkeit ausgetrieben und sie in die Machtposition allein Erziehender hineingetrieben haben.

Ein Zeichen setzen wollten sie mit der Vereinfachung der Regeln. Am Ende haben sie damit allerdings ein Zeichen gesetzt für die verdummende Vereinfachung des Denkens.

Kommata und Punkte haben sie auf dem Altar der Vereinfachung geopfert. Flöten ging dabei die Logik und das Verständnis des geschriebenen Worts.

Ihr Ziel war gewesen, die grassierenden Rechtschreibfehler durch Anpassung der Regeln an die Dummheit der Schreibenden zu verringern. Konnten vor der Rechtschreibreform viele Menschen nicht gerade gut schreiben, so können seit der Streichung der Logik aus den Schreibregeln fast alle fast alles nicht mehr gut lesen.

Aber nun mach mal ´nen Punkt! So schlimm wird es doch wohl nicht sein!

Sprache lebt. Ständig ist sie in Bewegung. Diese Veränderungen braucht Sprache auch, um sich und damit das Denken der Menschen weiterzuentwickeln.

Regeln sind ein Korsett. Sie zwängen Gedanken in einen Kerker, der ihnen die Freiheit nimmt.

Regeln sind allerdings unerlässlich, um im Alltag ohne allzu große Missverständnisse miteinander auszukommen. Je logischer und nachvollziehbarer diese Regeln sind, desto eher werden sie respektiert.

Die Rechtschreibreform indes war in Hinterzimmern von Kommissionen ehrgeiziger und angeblich auch ehrwürdiger Professoren ausgemauchelt worden. 1998 wurde sie den Menschen vor die Zunge und die Schreibhände geknallt nach dem Motto: „Schreib so oder stirb!“

Massive Proteste von Journalisten, Schriftstellern und anderen sprachgewaltigen Zeitgenossen über diesen Unsinn zwangen 2004 und 2006 zu Nachbesserungen. Die Praxis zeigt zudem, dass heute fast jeder so schreibt, wie er will.

Insofern hat die Rechtschreibreform auch ein Gutes: Sie hat die Regeln weitgehend ad Absurdum geführt und die Sprache ihrer Inbesitznahme durch das volk weiter geöffnet. Allerdings hat sie auch dazu geführt, dass viele Texte zu einem Ratespiel werden, das die ursprünglichen Absichten des Autors unfreiwillig zu hermetischer Literatur werden lässt.

Während die Regeln zum doppelten „S“ und dem „ß“ durchaus sinnvoll sind, kommt mir bei anderen Vorschriften wie dem Zusammen- oder Auseinanderschreiben sowie der nicht mehr sinnstiftenden Interpunktion der kalte Kaffee hoch. Auch Majonnäse oder das Portmonneh tun mir in der Seelöwe.

Doch anstatt mir die Haare über diese aneblichen Sprachwissenschaftler zu raufen, die von der Logik der Sprache offenkundig keine entfernte Ahnung haben, schreibe ich weitgehend weiter nach den Regeln meiner Eltern und meiner Lehrer. Damit bevorzuge ich die Lehre der Logik in der Sprache vor der Leere von Lobik bei der Schlechtschreibdeform.

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6 Kommentare zu “Dem Volk auf´s Maul gehaut: 15 Jahre Schlechtschreibdeform

  1. Schreiben wir doch einfach wie uns der Schnabel gewachsen ist. 🙂
    Dafuer wuerde sich beispielsweise das phonetische Alphabet nach Kirshenbaum (oder Kirschenbaum?) anbieten, das im Gegensatz zu X-SAMPA weniger Schreibarbeit ist.
    Allerdings braucht man fuer x und z immer zwei Zeichen, weil man das ausschreiben muss, also ks und ts.
    Vorteil waere, dass man Dialekte besser schreiben koennte oder Umgangssprache oder Ausrufe etc, aber auch viele fremdlaendische Woerter liessen sich wohl besser darstellen, auch wenn man beispielsweise nicht das Zeichen fuer einen afrikanischen Klicklaut verwendet.
    Da allerdings sowohl Gross- als auch Kleinbuchstaben jeweils andere Bedeutungen haben koennen, kann man Grossbuchstaben beispielsweise nicht fuer die Kennzeichnung von Satzanfaengen, Eigennamen etc. verwenden.
    Hier eine vereinfachte Liste fuer das Deutsche mit zusaetzlichen Phonemen fuer das englische th, r und das franzoesiche j wie in „Journal“.
    Los geht’s:
    2 = geschlossenes ö wie in „öde“ (siehe Fussnoten 1 und 2)
    6 = vokalisiertes r, haeufig auch -er, wie in „aber“ (siehe Fussnote 1)
    9 = offenes ö wie in „öffentlich“ (siehe Fussnoten 1 und 2)
    @ = Schwa wie im hinteren e von „Ede“
    a = a (siehe Fussnote 3)
    b = b im Silbenanlaut wie in „Beben“
    C = ch wie in „Becher“
    d = d im Silbenanlaut wie in „dadurch“
    D = stimmhaftes englisches th wie in „father“
    e = e wie in „See“
    E = ä wie in „Käse“ (siehe Fussnote 3)
    f = f wie in „Fritz“
    g = g im Silbenanlaut wie in „gegen“
    h = h (natuerlich nicht Dehnungs-h) wie in „Hans“
    i = geschlossenes i wie in „Ida“
    I = geschlossenes i wie in „Sinn“
    j = j wie in „Jahr“ (hier kann so gut wie immer auch ein offenes oder kurzes geschlossenes i verwendet werden)
    k = k wie in „Kaufmann“
    l = l wie in „Lila“
    m = m wie in „Marta“
    n = n wie in „Nordpol“
    N = ng wie in „lang“ oder das n wie in „krank“
    o = geschlossenes o wie das hintere o in „Otto“
    O = offenes o wie das vordere o in „Otto“
    p = p wie in „Paula“
    r = englisches r wie in „rain“
    R = nicht-vokalisiertes r wie in „Regen“
    s = stimmloses s wie das zweite s in „Samstag“
    S = sch wie in „Schule“
    t = t wie in „Tante“
    T = stimmloses englisches th wie in „north“
    u = geschlossenes u wie in „Uwe“
    U = offenes u wie in „Hund“
    v = w oder stimmhaftes v/f wie in „Wasser“
    x = ch wie in „Bach“
    y = geschlossenes ü wie in „über“
    Y = offenes ü wie in „Hüfte“ (siehe auch fussnote 2)
    z = stimmhaftes s wie das erste s in „Samstag“
    Z = stimmhaftes sch (Laut aus dem Franzoesischen) wie in „Journal“
    Zur Verlaengerung eines Lauts wird ein Doppelpunkt angehaengt, also beispielsweise a:.
    Betonte Silben (sofern man das mitnotieren will) werden durch ein Apostroph angekuendigt wie in [‚ta:f@l] = „Tafel“.
    Ein Glottisschlag wird (sofern man das mitnotieren will) durch ein vorangestelltes Fragezeichen gekennzeichnet wie in „‚?antOn“ oder auch „?’antOn“ = „Anton“.
    Fussnoten:
    1: Um Ziffern als Phoneme zu vermeiden, verwenden einige Notationen w und W statt 9 und 2 und @* fuer das vokalisierte r.
    2: Der Unterschied zwischen offenem ü und geschlossenem ö ist, abgesehen von der ueblichen Aussprachelaenge, meist so minimal, dass man auf ein Zeichen fuer das geschlossene ö verzichten kann (oder wahlweise auf das offene ü).
    3 = es gibt ein offenes a [A] und ein geschlossnes a [a]. Die Unterschiede bestehen aber praktisch nur in der ueblicherweise gesprochenen Phonemlaenge. Man kann deshalb getrost auf das eigene Zeichen fuer ein offenes a [A] verzichten. Aehnliches gilt fuer das ä, wobei hierfuer aber so oder so nur ein Zeichen zur Verfuegung steht [E].
    Beispielsatz (ohne Betonung und Glottisschlag):
    vi:6 fROI@n Uns aUf de:n fo:ne:tIS@n RECtSraIpUnt6RICt In k9ln.
    oder ohne Ziffern
    vi:@* fROI@n Uns aUf de:n fo:ne:tIS@n RECtSraIpUnt@*RICt In kWln.
    Aufloesung:
    Wir freuen uns auf den phonetischen Rechtschreibunterricht in Köln.
    🙂

  2. Viel Wirbel um wenig. Und es werden von den Kritikern des Reförmchens dann in der Regel Dinge behauptet, die gar nicht stimmen. Bitte mal in den Duden gucken – da steht „Mayonnaise“ und auch das gute alte „Portemonnaie“ gehört zur empfohlenen Schreibung. Das gleiche gilt für die Zeichensetzung, die angeblich die Lesbarkeit verschlechtert, tatsächlich aber nur einige weitere Optionen frei lässt …

  3. Der von mir sehr geschätzte Hellmuth Karasek formulierte nach der zweiten Nachbesserung sinngemäß „Nun sind die Verantwortlichen der Duden-Redaktion gerade so weit zurück gerudert, dass sie sich nicht komplett zu Idioten machen“. Dem kann ich mich nur lebhaft anschließen. Das Ergebnis dieser sog. Reformen ist m. E. lediglich die Legalisierung von Dummheit. Sowas als Grundlage für eine Um_Schreibung der Deutschen Sprache zu missbrauchen, ist schon ziemlich … „bemerkenswert“.

    Was mich jedoch noch viel mehr erschüttert, ist der immer absurder voran schreitende Verzicht auf eine eigene, klare Sprache. Immer mehr Slang und „Denglizysmen“ finden Einzug in eine Sprache, die mal als eine der schönsten Sprachen der Welt galt. Was bleibt, ist ein Haufen Irgendwasse, mit denen bald niemand mehr etwas anfangen kann. Glückwunsch an die Duden-Redaktion!

  4. Die fremdenfeindlichen Schreibweisen wie „Majonnäse“ waren ursprünglich als dauerhaft verbindlich geplant gewesen. Erst durch die Reformen 2004 und 2006 wurde ein Großteil dder alten Schreibweisen nachträglich wieder „legalisiert“.
    Da war das Kind allerdings schon mit dem Bade ausgeschüttet: Keiner wusste mehr, was als richtig gelten sollte oder nicht. So schrieb jeder, wie er wollte.
    Lasst die Finger von der deutschen Sprache! Pflegt sie wie einen Schatz, den Eure Vorfahren Euch vererbt haben!
    fjh

  5. Der oben angeführte Gedanke, die in akademischen Hinterzimmern ausgetüftelte Rechtschreibreform sei zumindest der Ausprägung individueller Schreibgewohnheiten förderlich, ist nicht von der Hand zu weisen.

    Ich sehe das ähnlich wie der der Autor dieses Posts: von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, die wirklich Sinn machen, (siehe „ß“),
    haben wir es meines Erachtens nun wirklich mit einem Machwerk zu tun, welches seinen Sinn fast gänzlich verfehlt hat.

    Ähnliches trifft beispielsweise auch auf die vor wenigen Jahren durchgezogene Reform der portugiesischen Sprache zu.

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