Die Todesfuge und die Küchenuhr: Ganz große Kunst hat uns allen etwas zu sagen

„Die Todesfuge“ von Paul Celan habe ich sicherlich schon mehr als 20 Mal gelesen oder vorgelesen bekommmen. Sie ist eines der eindringlichsten Gedichte über die Greueltaten des Faschismus.

Jedesmal hat mich dieser Text wieder bewegt. Nun aber habe ich „Die Todesfuge“ aus dem Mund ihres Autors gehört. Dabei ist mir ein Schauder den Rücken heruntergelaufen wie kaum je zuvor bei einer Rezitation.

Langsam und traurig beginnt Celan den Vortrag seines berühmten Meisterwerks. Mehr und mehr steigert er Geschwindigkeit, Lautstärke und damit auch die Eindringlichkeit seines Texts, ohne aber immer auf dem gleichen Niveau zu bleiben.

Verzweiflung und Erschütterung sind ihm anzuhören, wenn er spricht: „der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Am Ende senkt er die Stimme: „Dein goldenes Haar Margarete, Dein aschenes Haar Sulamith“.

Eine magische Faszination hat Celans Gedicht schon immer ausgeübt auf mich. „Schwarze Milch in der Frühe“, die „wir trinken und trinken“, klingt aus Celans Mund aber noch viel dramatischer, als ein gedrucktes Schriftbild es auszudrücken vermag. Als Celan vom „Grab in den Wolken“ sprach, wo es „nicht eng“ ist, traten die Tränen aus meinen Augen hervor.

Es gibt einen weiteren Text, der eine ähnliche Kraft auf mich ausübt. Kaum jemanden kenne ich, der sich der bewegenden Magie dieser Kurzgeschichte entziehen könnte. Dabei umschreibt „Die Küchenuhr“ von Wolfgang Borchert die Greuel des Kriegs durch einen vollkommen undramatischen Blick auf den Alltag eines Menschen.

Gerade aber durch die indirekte Umschreibung gewinnt das Unfassbare Gestalt im Gehirn der Lesenden. Es ist nur die kaputte Küchenuhr, die den Krieg überstanden hat. Sonst hat der junge Mann auf der Bank im Park alles verloren.

Schwerlich findet man heute noch Schriftsteller von solcher Sprachgewalt und Ausdruckskraft wie diejenigen, die den 2. Weltkrieg miterlebt und literarisch verarbeitet haben. Wenn Heinrich Böll in seiner Kurzgeschichte „Über die Brücke“ fährt, dann sitzt jedes Wort auf dem richtigen Platz im Zug der Zeit.

Mir war das Glück vergönnt, den Literaturnobelpreisträger persönlich kennengelernt zu haben. Gleiches gilt auch für Günter Grass, der ebenso wie mein Vater in Danzig aufgewachsen ist. Viele Geschichten meines Vaters finde ich in der „Blechtrommel“ in literarischer Form wieder.

Gegen die Texte dieser Generation und ihrer Vorgänger verblassen fast alle literarischen Versuche der Gegenwart. Zu oft künsteln Autoren herum, ohne dass sie wirklich etwas Wichtiges zu sagen hätten.

Kunst entsteht als Kristallisation aus den Erschütterungen des Lebens. Wenn ein Künstler nichts zu sagen hat, kann das Ergebnis seiner Bemühungen auch nur nichtssagend ausfallen.

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