Gustl Mollath ist frei: Wer ist hier gemeingefährlich?

Gustl Mollath ist frei. Auf Anordnung des Oberlandesgerichts Nürnberg wurde er am Dienstag (6. August) nach sieben Jahren Zwangsunterbringung aus der Forensischen Psychiatrie entlassen.

Klaus-Peter Löser lebt in Marburg. Mehr als sieben Jahre hat er zu Unrecht in der Psychiatrie verbringen müssen.

Nirgendwo werden in Deutschland die elementarsten Menschenrechte so heftig und meist unkontrolliert mit den Füßen getreten wie in Psychiatrischen Anstalten. Zahlreiche Beispiele dafür habe ich in mehr als 25 Jahren Tätigkeit im Vorstand der Humanistischen Union Marburg persönlich kennengelernt.

Die sogenannte „Leistungsgesellschaft“ stilisiert kranken Egoismus zum „gesunden“ Vorbild. Das Andersartige, Anomale und Anstößige drängt sie an den Rand und sondert es rücksichtslos aus. Selbstverständlich gibt es „schwierige“ Menschen; aber muss man sie gleich einsperren?

Mollat galt als „gemeingefährlich“. Ist nicht eher eine Ministerin gemeingefährlich, die jede Kritik am Umgang mit seinem Fall starrköpfig ignoriert und das Unrecht legitimiert? Sind nicht eher Richter gemeingefährlich, die „Gutachen“ zur Grundlage von Zwangsverfügungen machen, deren angebliche Autoren den Betroffenen nie untersucht haben?

Im Fall Löser wurden Gutachten und Gerichtsentscheidungen über Jahre hinweg immer wieder abgeschrieben. Mit Pharmaka wurde der um seine Freiheit ringende „Patient“ ruhig gestellt.

Beharrliches Kämpfen um die eigene Freiheit gilt dann als „mangelnde Einsichtsfähigkeit“, als „Renitenz“ oder gar „Aggressivität“. Die Aggressivität von Fixierungen und der faschistoiden Elektroschock-„Therapie“ hingegen hat die Justiz jahrzehntelang geduldet.

4,5 Tonnen Medikamente wurden Löser im Lauf der Jahre zwangsweise verabreicht. „Ein ganzer Laster voll in diesen kleinen Mann“, empörte sich beim Verfahren sein Hausarzt Dr. Hans-Peter Meyer-Anhalt.

Wer sich standhaft weigert, dieses Gift zu schlucken, gilt für die Verantwortlichen als krank. Wer dieses Gift schluckt, wird unweigerlich krank.

Als jemand die bayerische Justizministerin Beate Merk im Fall Mollath öffentlich kritisierte, stand plötzlich die Polizei vor seiner Haustür. Erst als Merk merkte, dass bald sie vor der Haustür des bayerischen Justizministeriums stehen könnte, lenkte sie ein. Die CSU-Ministerin hat Kreide gefressen und freut sich öffentlich über Mollaths Entlassung, die sie vor wenigen Wochen noch mit allen Mitteln zu verhindern trachtete.

Wer ist da verrückt? Wer ist da gemeingefährlich?

Eine unselige Traditionslinie verbindet Justiz und Psychiatrie. Nach dem Ende der „Tausend Jahre“ dunkelster deutscher Geschichte machten alte Nazis in Justiz und Psychiatrie ungehindert weiter. Ihr Menschenbild blieb ungebrochen an der Macht.

Dem am 18. Mai 2013 verstorbenen Frankfurter Publizisten Ernst Klee ist viel Aufklärung über den Fortbestand faschistischer Ideologie in bundesdeutschen Anstalten zu verdanken. Dem Fall Mollath ist die Erkenntnis zu verdanken, dass dieses Denken immer noch weiterwütet in den kranken Hirnen von Richtern, Psychiatern und einer Justizministerin.

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Ein Kommentar zu “Gustl Mollath ist frei: Wer ist hier gemeingefährlich?

  1. „Sind nicht eher Richter gemeingefährlich, die “Gutachen” zur Grundlage von Zwangsverfügungen machen, deren angebliche Autoren den Betroffenen nie untersucht haben?“
    Jawohl: „Ich habe sie angefleht, damit aufzuhören. Sie hat mich ausgelacht.“
    Was sind das für Richter, was ist das für ein Rechtsstaat, der einen Menschen eher in die Anstalt schickt, der Anzeige wegen Schwarzgeldgeschäften anzeigt, statt zumindest gleichzeitig dieser Anzeige nachzugehen. Wer gehört da in die Anstalt oder sind wir nur noch eine einzige Anstalt?

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