Angesagt: Ausstieg in Fahrtrichtung links

„Nächste Station: Frankfurt Hauptbahnhof! Der Zug endet dort. Bitte alle Aussteigen!“

Die Stimme dieser Ansage ist mir wohlbekannt. Allerdings kenne ich sie nicht nur wegen meiner häufigen Fahrten mit den Zügen des Rhein-Main-Verkehrsverbunds, sondern auch durch eine frühere Zusammenarbeit mit dem Sprecher. Wulf Hahn war zeitweilig mein Stellvertreter im Vorsitz des Verkehrsclubs Marburg-Biedenkopf (VCD).

Häufig höre ich seine Stimme. Hahn sagt nicht nur die Bahnstationen im RMV an, sondern ebenso im Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) und im Großraum Berlin.

Nachdem er mir zunächst ins Amt des Marburger VCD-Vorsitzenden nachgefolgt war, hat Wulf Hahn sich später als Verkehrsplaner selbstsändig gemacht. Offenbar genau zur rechten Zeit hat er der Deutschen Bahn AG (DBAG) die digitalisierte Haltestellenansage angeboten.

Aber nicht nur seine Stimme klingt mir beim Bahn- oder Busfahren bekannt in den Ohren. In Karlsruhe hörte ich Anfang der 80er Jahre meine HR-Kollegin Hanna Pfeil. In Essen war um 1999 herum der Kabarettist Elmar Brand zu hören, der bei den Haltestellen die Stimme des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder nachahmte.

Die Busse der Stadtwerke Marburg (SWM) beschallen vor den Haltestellen die Durchsagen eines blinden Kollegen. Er war bei einem „Kasting“ unter den Bewerbern ausgewählt worden und spricht jetzt die Haltestellennamen wie „Hanno-Drechsler-Platz“ oder „Wilhelm-Roser-Straße“ ein.

Angeregt zu diesem kleinen Blick auf die Haltestellenansagen hat mich ein Tweet von @andijah. Auf Twitter berichtete sie von Kinderstimmen als Haltestellenansage.

Mein Verdacht war daraufhin, diese Auswahl der Sprechstimmen könnte auf ältere Menschen als Zielgruppe des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) hindeuten. Sie jedoch meinte, angeblich solle das die „Verbindung mit der Region“ stärken.

Genau dieses Ansinnen hat die Hessische Verkehrsbetriebe AG (HEAG) verfolgt, als sie in den 90er Jahren den pensionierten Polizeisprecher die Haltestellen in Darmstadt aufsprechen ließ. Mit leichtem Mundart-Einschlag sagte er einige Jahre lang den „Luisenplatz“ oder die „Pallaswiesenstraße“ an.

Irgendjemandem muss diese Idee dann aber provinziell vorgekommen sein. Jedenfalls wurde die Stimme vor einigen Jahren schon durch eine Ansage in sauberem Hochdeutsch ersetzt.

Ohnehin ist die Wahl der Stimme oft nur ein Werbegag. Bei der Firma Pekol in Oldenburg lispelte lange Zeit eine nette Frauenstimme nicht nur die Namen der jeweiligen Bushaltestelle, sondern dazu auch Hinweise auf das gerade benachbarte Kaufhaus oder die regionale Biermarke. Auf diese Weise hat das private Stadtbusunternehmen seinerzeit die Haltestellenansage durch seine nette Mitarbeiterin finanziert.

Auswahlkriterien sollten allerdings vor allem die deutliche Aussprache und Verständlichkeit der Durchsage sein. Was nützt der schönste Gag, wenn man nicht versteht, wo der Bus oder die Bahn gleich anhält?

Lob verdient hier die Ansage der ÜSTRA Hannover an der Messe. Neben der deutschsprachigen Ansage „Messe Hannover“ mit einer Frauenstimme folgt eine Männerstimme auf Englisch mit „Hannover Fair“. Offenbar handelt es sich dabei um einen britischen Muttersprachler, was die feine britische Aussprache vermuten lässt.

Erfreulich ist, dass die digitale Technik die verständliche Ansage der Haltestellen inzwischen zur Regel hat werden lassen. Früher lag es an der Stimme und dem Engagement des Busfahrers, ob man die Ansage verstehen konnte und ob überhaupt eine laute Durchsage erfolgte. Landsmannschaftliche Aussprache oder ausländische Herkunft wirkten hier oft als schier unüberbrückbare Hemmnisse.

Gegenüber dem gehemmten Genuschel genervter Busfahrer auf schwer verständlichem Schwäbisch oder Sächsisch ist die vorgefertigte Haltestellenansage auf jeden Fall schon ein großer Fortschritt. Auch wenn die Durchsage früher bereits Vorschrift war, unterblieb sie oft.

Nur manchmal sparen sich Busfahrer in Zeiten der digitalen Ansage noch den Druck auf den Knopf, weil sie zu faul oder durch die immer gleiche Stimme genervt sind. Mitunter laufen die Ansagen auch eine oder mehrere Haltestellen vor oder nach, was für Fremde oder Blinde besonders misslich ist.

Ansonsten aber ist die Entwicklung doch recht positiv verlaufen. Besonders erfreulich ist, dass bei der DBAG sowie einigen U-Bahnen auch die Bahnsteigseite angesagt wird.

Darum hatten Blinde lange gekämpft. Ich erinnere mich noch an ein Treffen von Aktiven aus der Blindenszene mit Vertretern der DBAG auf dem Gießener Hauptbahnhof, wo ein Vorstandsmitglied einer DBAG-Tochter schließlich die Durchsage der Bahnsteigseite zusicherte.

Zuvor waren mehrfach Blinde auf der falschen Seite ausgestiegen, nachdem ihr Zug angehalten hatte. Einige waren dabei tief gestürzt auf den Gleiskörper. In einem Fall wurde ein blinder Fahrgast von einem entgegenkommenden Zug überrollt und getötet.

Dieses Beispiel zeigt, wie wichtig eine korrekte Haltestellenansage ist Selbstverständlich gilt das Gleiche auch für Durchsagen auf Bahnsteigen und an Haltestellen.

Gerade im innerstädtischen ÖPNV wäre da noch einiges zu tun. Schön wäre beispielsweise, wenn blinden Fahrgästen an der Haltestelle die Liniennummer und das Fahrtziel herannahender Busse und Bahnen oder Verspätungen bekanntgegeeben würden. Diese Durchsage müsste ja nur dann eingeschaltet werden, wenn jemand mit Blindenstock an der Haltestelle steht.

Optische Anzeigesysteme sind sicherlich auch wünschenswert. Aber sie können kein Ersatz für die Durchsage sein.

Genau das hatte mir einmal ein Verantwortlicher eines Verkehrsbetriebs weismachen wollen. Obwohl ich ihn darauf hingewiesen hatte, dass ich blind bin und eine Durchsage der Bushaltestellen erwarte, meinte er nur, es gebe doch eine optische Anzeige im Bus.

Bild und Ton parallel sind notwendig, damit sowohl sehbehinderte und blinde als auch hörbehinderte Fahrgäste Bescheid wissen. Wenn dann noch Verspätungs- und Störungsmeldungen auf Twitter hinzukommen, wie sie beispielsweise die Dresdner Verkehrsbetriebe AG (DVB), der Karlsruher Verkehrsverbund (KVV), die Stuttarter Straßenbahnen AG (SSB), die Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG), die Hamburger Hochbahn AG (HHA) und der RMV sowie die DBAG anbieten, dann wäre Fahrgastinformation wirklich ein guter Service für alle.

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Ein Kommentar zu “Angesagt: Ausstieg in Fahrtrichtung links

  1. Ich mache in München oft die Erfahrung, dass die Fahrer von Bus und Tram, die zuvor zu Faul sind, die Ansagen laufen zu lassen, sie umgehend einschalten, wenn ich laut und deutlich, nicht einmal überlaut, sage, dass ich schon wieder mal nicht mitkriege, wo ich bin.

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