Schneewittchen ist noch weit weg hinter den sieben Bergen: Eindrücke von der Tagung „Inklusion und Medien“

„Ich sehe mich eher als Schneewittchen“, erklärte die Schauspielerin Chris-Tine Urspruch. In der Fernsehserie „Tatort“ spielt sie allerdings die Assistentineines Pathologen. In Anspielung auf ihre Körpergröße ruft ihr Kollege sie dort nur „Alberich“.

Die Darstellung von Menschen mit Behinderungen in den Medien war Thema der Tagung „Inklusion und Medien“. Gemeinsam mit dem Berliner Verein „Sozialhelden“ und im Auftrag des Bundesbeauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen hat die Grimme-Akademie sie am Donnerstag (26. September) in Berlin durchgeführt.

Die Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Behinderten (UNBRK) sieht auch ein Recht auf ungehinderten Zugang zur Information vor. Noch werden Behinderte allerdings häufig durch Barrieren von Internetseiten, Fernsehsendungen oder anderen Mediendarstellungen ausgeschlossen.

Über die Entwicklung des Bilds von Behinderten in den Medien sowie Angebote für Behinderte informierte zu Beginn Prof. Dr. Ingo Bosse. Er zeigte die Entwicklung von der Fernsehserie „Unser Walter“ in den 70er Jahre bis zu aktuellen Sendungen auf.

Zwei Darstellungsvarianten hat Bosse besonders häufig beobachtet: Zum Einen werden Behinderte als „Supermenschen“ herausgestellt, die auch außergewöhnliche Aufgaben gekonnt beherrschen. Zum Anderen wird das Thema „Behinderung“ mit Humor angefasst und dem breiten Publikum so verdaulich serviert.

Immerhin komme das Thema heute in den Medien wesentlich öfter vor als früher. Immer häufiger versuchten Medienmacher auch, den Alltag von Menschen mit Behinderungen zu zeigen.

Ausgeweitet werden auch die Programmangebote an Behinderte. Die Sender der Arbeitsgemeinschaft Öffentlich-Rechtlicher Rundfunkanstalten Deutschlands (ARD) will in den nächsten Jahren 100 Prozent ihrer Neusendungen für Hörbehinderte untertiteln. Die Nachrichten der Tagesschau wird es auf dem Informationskanal Phönix auch weiterhin mit einer eingeblendeten Übersetzung durch Gebärdendolmetscher geben. Außerdem steigt auch der Anteil an Filmen mit einer Audiodeskription für Blinde.

Ursache dieser Anstrengungen war die Einführung einer neuen Struktur der Rundfunkgebühren. Seit Jahresbeginn müssen auch Behinderte eine ermäßigte Gebühr entrichten, sofern sie wirtschaftlich dazu in der Lage sind.

Vertreter verschiedener ARD-Anstalten stellten ihre Projekte speziell für behinderte Zuschauer vor. Besonders interessant war ein Angebot von N-Joy, das Musikvideos mit Gebärdensprache unterlegt. Dank der – neben dem Originalclipp in einem zweiten Bildausschnitt zu den Beats tanzend gestikulierenden – Gebärdendolmetscherin Laura M. Schwengber erhalten auch Gehörlose einen Zugang zu aktueller Musik.

Der Sportjournalist Ronny Blaschke berichtete von seinen Erfahrungen mit Redaktionen bei der Berichterstattung über die Paralympischen Spiele. Er habe dieses sportliche Großereignis nutzen wollen, um neben den behinderten Sportlern auch den Lebensalltag von Menschen mit Behinderungen zu zeigen. Vielfach sei er mit diesem Anspruch in den Redaktionen aber auf Ablehnung gestoßen, berichtete Blaschke.

In einem Abschlusspodium stellten Medienmacher ihre aktuellen Projekte über Behinderte vor. Die Regisseurin Sheri Hagen beispielsweise zeigte Ausschnitte aus ihrem neuen Film über die Liebe von Menschen zueinander.

Gleich zwei Projekte präsentierte Burkhard Althoff vom Zweiten Deutschen Fernsehen(ZDF). „Eine ganz normale WG“ lautet der Arbeitstitel einer Dokumentation über eine Wohngemeinschaft von Menschen mit geistiger Behinderung. Neben dem Regisseur hatten auch die Bewohner selbst eine Kamera zur Verfügung und konnten damit Geschehnisse und Einstellungen aufzeichnen, die ihnen wichtig waren.

Trotz einer Vielzahl derartiger Projekte bezweifelte der Kabarettist Martin Fromme, dass sich das visuelle Bild von Behinderten in den Medien in nächster Zeit wesentlich ändern wird. Teilnehmer aus dem Publikum widersprachen ihm jedoch energisch.

Wie wäre es beispielsweise, wenn „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ mit Christine Urspruch in der Titelrolle und sieben Zwei-Meter-Männern als Zwerge verfilmt würde? Noch schöner wäre natürlich, wennn Aussehen, Behinderung, Größe, Hautfarbe oder Herkunft von Darstellern überhaupt keine Bedeutung mehr beim Kasting hätten, sondern allein ihr schauspielerisches Talent.

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3 Kommentare zu “Schneewittchen ist noch weit weg hinter den sieben Bergen: Eindrücke von der Tagung „Inklusion und Medien“

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