Interview mit einem Taubblinden: Jeden Buchstaben einzeln in die Hand lormen

Jede kurze Frage dauert Minuten. Susen Köhler muss meinem Gesprächspartner jedes Wort in die Hand buchstabieren. Wenn er einen Buchstaben verstanden hat, wiederholt er ihn mit fragender Stimme.

Trotz der erschwerten Bedingungen war mein Interview mit Karl-Erich Kreuter eine außergewöhnlich schöne Erfahrung. Vielleicht ist die Kommunikation mit taubbblinden Menschen auch deswegen so befriedigend, weil man sich viel mehr Zeit dafür nehmen muss und jede verstandene Frage ein richtiges Erfolgserlebnis ist.

Vor fast 20 Jahren hatte ich meine ersten Erfahrungen im Umgang mit Taubblinden Menschen gemacht. Unter dem Titel Ihre Wahrheit ist Berührung habe ich die gemeinsame Reportage mit dem Fotojournalisten Rainer Wohlfahrt 1994 veröffentlicht.

Diese Erfahrung hat nachhaltige Spuren in mir hinterlassen. Als ich nun von dem Vorhaben einer Taubblinden-Demo am Freitag (4. Oktober) in Berlin erfuhr, nahm ich ohne Zögern das Angebot des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbands (DBSV) wahr und bat um die Herstellung eines Kontakts mit einer betroffenen Person.

Nach einigen Mails hin und her habe ich einen Termin mit Karl-Erich Kreuter ausgemacht. Pünktlich zum verabredeten Termin erschien er in Begleitung von Susen Köhler in meinem Büro.

Sie buchstabierte ihm alle meine Fragen mit dem Lorm-Alphabet in die Hand. Seine Antworten habe ich auch auf meinem Aufnahmegerät mitgeschnitten. Gerne möchte ich auch sie veröffentlichen.

Da Kreuter erst spät ertaubt und erblindet ist, spricht er verständlich wie jeder andere Mensch. bei Gehörlosen von Geburt an ist das oft anders. Das habe ich damals in Fischbeck und Hannover erfahren, wo viele Taubblinde kein einziges Wort sprechen konnten.

Kreuter hingegen ist allmählich ertaubt und dann erblindet. Ursache für seine schwere Doppelbehinderung ist das Refsum-Syndrom. Diese überaus seltene Stoffwechselstörung wird in der Regel nicht rechtzeitig diagnostiziert und behandelt, weil kaum ein Arzt sie überhaupt kennt.

„Im Alltag sind wir unsichtbar“, erklärt Kreuter. Schließlich können Taubblinde sich kaum allein bewegen. Assistenz zu bekommen, ist jedoch außerordentlich schwer.

„Ohne ausreichende Assistenz ist Taubblindheit wie Hausarrest“, stellt Kreuter fest. Dieses Zitat hat meinem Portrait in der Onlinezeitung marburgnews den Titel gegeben.

Die erste Taubblinden-Demo der Welt wird übrigens am 4. Oktober 2013 um 12 Uhr vor dem Reichstag in Berlin starten. Informationen dazu finden Interessierte unter www.aktion-taubblind.de.

Kreuter wird wahrscheinlich nicht dabeisein. Er hat keine geeignete Assistenz für die Anreise in die Bundeshauptstadt bekommen.

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