Menschen mit Benennungen: Wie Politisch Korrekte Sprache diskriminiert

In Hannover sollen Restaurants künftig keine „Zigeunerschnitzel“ mehr anbieten. Wer Krüppel nicht als „Menschen mit Behinderungen“ bezeichnet, dem droht schon lange der Knüppel selbst ernannter Sprachpolizisten.

Den Druck zur Durchsetzung sogenannter „politisch korrekter Sprache“ empfinde ich als persönliche Diskriminierung. Angesichts der dadurch verbreiteten Furcht vor falschen Formulierungen führen viele Mitmenschen mittlerweile keine unvorbelasteten Gespräche mehr mit mir. Vielmehr sprechen sie mich übervorsichtig und scheu an oder meiden gar den Kontakt.

Selbstverständlich soll man auf seine Sprache achten. Wer jemanden „an den Rollstuhl gefesselt“ sein lässt, sperrt ihn damit sprachlich aus. Wer Behinderung von vornherein als „Leid“ betrachtet, der weist Behinderten damit die Rolle armer mitleidsbedürftiger Geschöpfe zu und respektiert nicht ihre gleichen Rechte.

Klar ist, dass man Menschen aus der Bevölkerungsgruppe der Roma und Sinti so bezeichnet, wie sie selbst es wünschen. Dennoch darf ich mir die Frage erlauben, warum das Wort „Zigeunerschnitzel“ diese Menschen diskriminieren soll?

Wären dann nicht auch die Bezeichnungen „Frankfurter“ und „Nürnberger“ oder „Berliner“ für Fleischprodukte eine Diskriminierung der Bewohner der betreffenden Städte, weil sie sich als Würstchen oder Pfannkuchen verspottet sehen könnten? Müsste man das – als politisch korrekt angepriesene –
Modewort „Migrationshintergrund“ dann nicht auch vermeiden, weil es den so Benannten keinen Platz in der gesellschaftlichen Mitte einräumt, sondern nur in den hinteren Reihen?

Gerade als Behinderter geht mir diese sprachliche Watte mehr und mehr auf die Nerven, die jedes unbelastete Gespräch mit Nichtbehinderten in wohlmeinendes Wortgeklingel einlullt und zu einem wahren Affentanz rund um verbale Fettnäpfchen verkommen lässt. Warum sprechen wir nicht offen und frei heraus miteinander über Behinderte und mit ihnen?

Selbstverständlich sollte man sich der problematischen Konnotation vieler Wörter bewusst sein und Wert auf eine diskriminierungsfreie Sprache legen. Worte wie „verjudet“, „Nigger“ oder „Wasserkopf“ sollten zu Recht aus dem allgemeinen Sprachgebrauch entschwinden.

Aber schon beim „Neger“ könnte man fragen, warum das lateinische Wort für „Schwarzer“ diskriminieren soll. Warum muss ein „Mohr“ neuerdings zum „Menschen mit dunkler Hautfarbe“ mutieren, was doch eigentlich noch diskriminierender verstanden werden könnte.

Letztlich verbirgt sich hinter dieser sprachlichen Umschiffung althergebrachter Benennungen die Furcht vor einer Konfrontation mit den dadurch ausgedrückten Realitäten. Die Umbenennung macht aus Roma, Sinti, Schwarzen, Einwanderern und Behinderten ein sprachliches Problem, das die Redenden mit spitzen Fingern anfassen.

Extreme Formen angenommen haben diese sprachlichen Berührungsängste in der zweiten Hälfte der 80er Jahre unter der Regentschaft von Helmut Kohl. Je unmenschlicher der damalige CDU-Bundeskanzler gesellschaftliche Minderheiten und Randgruppen behandelte, desto notwendiger schien es ihm, zu betonen, dass sie „trotzdem“ Menschen sind.

Leider haben sich viele Behinderte und ihre Verbände diese sprachliche Verdrängungsstrategie zu eigen gemacht. Aus „Behinderten“ wurden zuerst „behinderte Menschen“ und dann „Menschen mit Behinderten“.

Sicherlich wird diese Sprachakrobatik immer neue Kunstformen entwickeln. Je länger nämlich eine Bezeichnung in Gebrauch ist, desto wahrscheinlicher wird sie auch eine herabwürdigende oder gar ausgrenzende Benutzung erfahren.

So wird die angeblich „Politisch Korrekte Sprache“ zum Hasen im Wettlauf mit dem Igel, der immer schon vor ihm dasteht und aus jedem schönen glattpolierten Wort wieder eine stachelige „Verunglimpfung“ gemacht hat. Die Sprache wird zur Knete, über die derjenige letztlich die Entscheidungsmacht hat, der sie für Diskriminierungen missbraucht.

Statt ständig die Sprache ihrem Missbrauch anzupassen, sollten die Wortverdreher lieber den Ursachen dieser Diskriminierung nachgehen. Durch die angeblich „Politisch Korrekte Sprache“ verdrängen sie die Diskriminierung aus dem Alltag auf eine Sprachebene. Als echte Menschenfreunde können sie sich fühlen, wenn sie das „korrekte“ wort gefunden haben, ohne dass sie auch das diskriminierende Verhalten ablegen müssten.

Ich will nicht immer hören müssen, dass ich ein „blinder Mensch“ sei. Dass ich ein Mensch bin, sollte wohl außer Frage stehen und keiner weiteren Erwähnung bedürfen.

Was von manchen gut gemeint sein mag, empfinde ich deswegen als Herabwürdigung. Verwändten die Menschen nur halb so viel Energie auf die Beseitigung von Barrieren und Diskriminierungen wie auf die Sprache, wäre wahrscheinlich schon viel gewonnen.

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2 Kommentare zu “Menschen mit Benennungen: Wie Politisch Korrekte Sprache diskriminiert

  1. Pingback: Behinderung kotzt mich an – wie wärs mit “Handicap”?

  2. Pingback: Die Macht der Sprache | textGedanKen

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