Behindert wird man mehrfach: Tag des weißen Stockes und 15 Jahre AKBI

Der 15. Oktober ist der Internationale „Tag des weißen Stockes“. Außerdem ist er der Geburtstag des Arbeitskreises Barrierefreies Internet (AKBI).

Exakt auf einen bestimmten Tag festlegen lässt sich die Gründung des AKBI nicht; doch der 15. Oktober bot sich angesichts seiner Bedeutung für Behinderte als Termin an. Tatsächlich ist die Idee zur Gründung des AKBI im Herbst 1998 aber ganz allmählich entstanden.

Urheber waren seinerzeit Jens Bertrams und ich. Von Anfang mit dabei war außerdem Dr. Eckart Fuchs.

Im Februar 1998 hatte ich mir einen Internetzugang angelegt. Bereits im März habe ich dann auch eigene Webseiten online gestellt.

Zu diesem Zeitpunkt war Jens schon ein erfahrener Internetnutzer. Für den Verein „Behinderte in Gesellschaft und Beruf“ (BiGuB) stellte er eigene Internetseiten online.

Ungefähr zu dieser Zeit bekam das Internet allmählich mehr und mehr Bilder. Aber noch herrschten Texte als Informationen vor.

Blinden brachte das World Wide Web einen enormen Zuwachs an Autonomie. Endlich konnte man Zeitungen, Kleinanzeigen oder andere Informationen am sprechenden Computer oder der Braizeile jederzeit selber lesen und musste sie sich nicht mehr von einer sehenden Hilfskraft vorlesen lassen.

Mit der einsetzenden Bilderflut drohte diese Autonomie Ende der 90er Jahre aber wieder verlorenzugehen. Zwar gab es in der Internet-Programmiersprache „HTML“ eine Regelung zur Hinterlegung von Grafiken mit einem Alternativtext (Alt); doch ignorierten viele Webdesigner diese Regel konsequent.

Hinzu kamen Skriptsprachen wie Java und Javascript, die mit Sprachausgabe oder Braillezeile von Computern für Blinde nicht kompatibel waren. Kaum hatten die Blinden den befreienden Weg ins Web gefunden, da drohte ihnen also auch schon wieder die Ausgrenzung.

In dieser Situation beschlossen Jens und ich die Gründung des AKBI. Die klassischen Blindenverbände erschienen uns als zu schwerfällig und wenig interessiert am Internet.

Zunächst firmierte der AKBI als Arbeitskreis innerhalb des BiGuB. Nach dessen Auflösung konstituierte er sich 2002 als eigenständiger Verein.

Die wichtigste Aktivität des AKBI in seinen Anfangsjahren war der „Gordische Webknoten“. Das war der erste Preis in Deutschland zur Auszeichnung barrierefreier Internetseiten.

Als die Aktion Mensch (AM) gemeinsam mit der Stiftung Digitale Chancen die BIENE ins Leben rief, war der Webknoten nicht mehr von Bedeutung. Gegen den Finanzaufwand, mit dem die BIENE antrat, konnte der AKBI nicht anstinken.

Auch die Prüfung von Internetseiten auf Barrierefreiheit übernahmen bald solventere Organisationen. Die meisten von ihnen sind mittlerweile aber wieder eingegangen. Inzwischen betreiben Firmen und Einzelpersonen diese Prüfung als – mehr oder weniger einträgliches – Geschäft.

2005 wandte sich der AKBI dann der Entwicklung eines eigenen Content-Management-Systems (CMS)zu. Dank des engagierten Einsatzes von Thomas Buntin entstand das AKBI CMS.

Vorher war noch kein CMS verfügbar gewesen, das auch Blinde problemlos administrieren konnten. Etwa gleichzeitig mit der Fertigstellung es AKBI CMS oder kurz danach erschienen mehrere andere CMS-Systeme, die dieser Anforderung genügten. Zudem wurden gängige Systeme mit barrierefreien Zusatz-Tools auch für Behinderte nutzbar gemacht.

Immer wieder war der AKBI Erster im Auffinden technischer Probleme bei der barrierefreien Gestaltung des Webs. Doch fast immer waren andere schneller bei der Problemlösung. Das lag vor allem daran, dass der AKBI kaum über finanzielle Mittel oder Aktive verfügte, die ihre gesamte Arbeitskraft und Zeit diesen Aufgaben hätten widmen können.

die Überlegenheit der Stärkeren, die den AKBI immer wieder ins Hintertreffen geraten ließ, ist für ihn jedoch zugleich auch ein entscheidender Vorteil. Während die finanzkräftigen Organisationen mit Hauptamtlichen arbeiten, die bald nur noch über Programmiertechniken und die Webnutzung nachdenken, sind die Aktiven des AKBI eher „normale“ Nutzer. Sie können sich leichter in die Probleme von Menschen eindenken, die nicht Technik-afin sind und für die das Internet nur ein Mittel zum Zweck ist und kein wesentlicher Lebensinhalt.

Aus einer gewissen Arroganz des Experten heraus ignorieren viele Spezialisten die Lebenswirklichkeit alter und behinderter Internetnutzer. Forderungen nach einer laufenden Aktualisierung von Browsern und Betriebssystemen sind für viele Menschen aeber nicht so leicht umsetzbar.

Insbesondere Mehrfachbehinderte haben hier erhebliche Probleme. Dem tragen die professionellen „Experten für Barrierefreies Webdesign“ leider nicht genügend Rechnung.

Ich bin es leid, immer wieder hören oder lesen zu müssen, dass mein Browser veraltet sei. Ich bin es leid, mich für die „veraltete Technik rechtfertigen zu müssen, mit der ich stressfrei arbeiten kann. Ich bin nicht bereit und auch nicht in der Lage, ständig neue Technologien zu erlernen und meinen Rechner regelmäßig zu erneuern.

Wer – wie ich – aufgrund einer neurologischen Erkrankung Stress dringend vermeiden muss, der hat genauso ein Recht auf ungehinderten Zugang zur Information wie alle anderen Menschen auch. Wenn es im Grundgesetz heißt, dass niemand „wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“ darf, so gilt das auch für mehrere Behinderungen.

Verweise

  1. Der AKBI in Wikipedia:

    de.wikipedia.org/wiki/AKBI

  2. Pressemitteilung zum 15-jährigen Bestehen des AKBI:

    www.akbi.de/homepage/presse/info.php?id=31

  3. Funktionsbeschreibung des AKBI-CMS:

    www.akbi.de/homepage/akbi_cms/info.php?id=5

  4. Text zum „Tag des weißen Stockes (in Leichter Sprache):

    aktuell.marburgnews.de/homepage/leichte/info.php?id=8753

  5. Und schließlich:

    Meine fünfte Behinderung

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s