Die Justiz als Hure der Fürsten: Zum 200. Geburtstag von Georg Büchner

„Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“ Diese Frage stellte Georg Büchner 1835 in seinem Drama „Dantons Tod“.

Mit scharfzüngiger Kritik an den politischen Verhältnissen hatte er sich ein Jahr zuvor den Zorn der Mächtigen zugezogen. Seine Flugschrift „Der hessische Landbote“ veröffentlichte er 1834 unter der Parole „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“

Nahezu jeder Aktivist von Occupy oder Blockupy könnte diese fast 180 Jahre alte Formel heute akzeptieren. Büchners pointierte Sozialkritik trifft wohl ziemlich genau die Haltung hinter der weltweiten Kritik an einem entfesselten Knüppel-Kapitalismus.

Im Hessischen Landboten fragte Büchner, ob die Bauern und Handwerker von Gott etwa am fünften statt am sechsten Tage geschaffen worden und demzufolge den Tieren zuzurechnen seien, die von den am sechsten Tage erschaffenen Menschen „den Fürsten und Vornehmen“ – beliebig beherrscht werden könnten? Mit der Anlehnung an das biblische Buch „Genesis“ spielte Büchner auf die Behauptung der Fürsten an, die ihre Macht durch Gottes Gnade rechtfertigen wollten.

Neben der provokanten Frage zur Schöpfungsgeschichte und der Gleichheit aller Menschen brandmarkte die Flugschrift die Justiz als „Hure der Fürsten“ und als „ein Mittel, euch in Ordnung zu halten, damit man euch besser schinde.“ Den Fürsten und ihren Beamten warf er Willkür vor, mit der sie das Volk nach Belieben unterdrückten.

Mit Zahlen belegte der Hessische Landbote das soziale Unrecht. Diese Aufstellung über die Steuereinnahmen des Großherzogtums Hessen und die hohen Ausgaben für Beamte ähnelt auf frappierende Weise den Daten über die Verteilung des Reichstums im 21. Jahrhundert.

Nach der Verbreitung des Landboten musste Büchner aus seinem Heimatland Hessen fliehen. In der Schweiz fand er politisches Asyl.

In Gießen hatte Büchner Medizin studiert. Dabei hatte er feststellen müssen, wie stark sich die soziale Stellung und Herkunft auf Gesundheit und Leben der Menschen auswirkt. Armut macht krank oder tötet.

Diese Thematik hat er in seinem Dramen-Fragment „Voyzek“ behandelt. Ebenso wie „Dantons Tod“ sowie „Leonce und Lena“ gehört es auch heute noch zum Standard-Repertoire deutschsprachiger Bühnen.

Mit sozialem Unrecht setzte Büchner sich in seinen Texten ebenso auseinander wie mit eifernder Verblendung und ihren mörderischen Folgen bei der französischen Revolution. Er war kein Ideologe, sondern ein reflektierter Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Nicht nur politisch, sondern auch literarisch war Büchner seiner Zeit weit voraus. Im „Voyzek“ finden sich bereits Ansätze Brechtscher Verfremdung.

In Zürich starb Büchner am 19. Februar 1837 mit nur 23 Jahren. Man mag durchaus für möglich halten, dass seine erbitterten Gegner den revolutionären Geist vergiftet haben könnten. Beweisen ließe sich das gut 175 Jahre später freilich nicht.

Neben mehreren Besuchen von Inszenierungen der Büchner-Dramen „Dantons Tod“ und „Voyzek“ ist mir noch eine kleine Geschichte von Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts in Erinnerung. Darin spielt Büchner ungewollt eine wichtige Nebenrolle, die ihm durchaus gefallen haben könnte.

Damals war die Zeit heftiger Auseinandersetzung um die Startbahn West des Rhein-Main-Airports. Friedliche Proteste gegen den Ausbau des Frankfurter Flughafens ließ die hessische Landesregierung unter dem SPD-Ministerpräsidenten Holger Börner durch die Polizei brutal niederknüppeln.

In Mörfelden-Waldorf kursierte seinerzeit ein kritisches Flugblatt zur gewaltsamen Räumung des Hüttendorfs in dem Waldstück, das für den Bau der neuen Startbahn gerodet werden sollte. Die überschrift des Flugblatts lautete „Fride den Hütten, Krieg den Palästen“. Als presserechtlich Verantwortlicher war „Georg Büchner, Darmstadt“ angegeben.

Eifrige Beamte des Staatsschutzes schwärmten massenhaft aus, um diesen „Terroristen“ dingfest zu machen. Doch fanden die Polizisten in Darmstadt keinen geeigneten Verdächtigen. Ein offenbar gebildeterer Beamter des städtischen Melderegisters antwortete auf ihre Anfrage nur lakonisch: „Büchner, Georg, 1823 – 1837, der Dichter!!!“.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s