Jubiläum 90 Jahre Radio: Meine Arbeit beim Hessischen Rundfunk

Die erste Rundfunksendung Deutschlands wurde am 29. Oktober 1923 ausgestrahlt. Meinen ersten Hörfunkbeitrag habe ich im Oktober 1986 für den Hessischen Rundfunk (HR) erstellt.

Mein Vater gehörte zur ersten Million von Fernsehzuschauern in Deutschland. Angeschafft hatte er sich das Gerät zu den Olympischen Spielen 1960.

Während ich also mit dem Fernsehen groß geworden bin, hatten viele Klassenkameraden bis in die Mitte der 60er Jahre hinein nur bei Besuchen Anderer Gelegenheit, Fernsehsendungen zu sehen. Dennoch spielte der Hörfunk auch in meiner Jugend eine noch wichtigere Rolle als heute.

Zwar besitze ich kein Fernsehgerät; aber ich sehe gelegentlich fern, wenn ich irgendwo zu Besuch bin. Mein Radio indes läuft tagsüber als wichtigster Informationskanal für aktuelle Nachrichten.

In den 60er und 70er Jahren saß oft die gesamte Familie vor dem Radio, um beispielsweise die legendäre Spielshow „Allein gegen Alle“ mit Hans Rosenthal zu hören. Ende der 70er Jahre war es dann vor allem das „SWF-Popshop“, das neben aktueller Musik immer auch lustige Gags brachte.

Ungefähr mit 17 Jahren kristallisierte sich bei mir der Berufswunsch heraus, Journalist zu werden. Der Hörfunk schien mir damals die geeigneteste Möglichkeit zur Verwirklichung dieses Traums.

Bereits in der Mittelstufe hatte ich bei der Schülerzeitung des Helmholtz-Gymnasiums in Bonn-Duisdorf mitgearbeitet. Nach dem Abitur beteiligte ich mich an Zeitungsprojekten meiner Brüder zur Berichterstattung über Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV).

Nachdem ich einen zwischenzeitlichen Ausflug in die Politik Mitte der 80er Jahre aus Frust über die machttaktische Anpassung der Grünen wieder beendet hatte, kramte ich meinen alten Berufswunsch wieder hervor. Nach mehreren unbeantworteten Bewerbungen bei verschiedenen Medien wie dem HR versuchte ich im Herbst 1986 einen anderen Weg: Der HR-Wirtschaftsredaktion bot ich Themen zu Beiträgen für deren Hörfunksendungen an.

Eine Orchiedeenredaktion schien mir aussichtsreicher für solche Vorstöße als die Redaktionen der populären Sendungen. Dort war das Gedränge der Interessierten einfach nicht so groß wie in der Politikredaktion oder bei anderen beliebten Sendungen.

Die HR-Wirtschaftsredaktion bestätigte meine Vermutung: Zufälligerweise hatte der damalige Redaktionsleiter Dr. Christoph Wehnelt ein Thema in Marburg, das er mir anvertraute. Er interessierte sich für die Berichterstattung über einen Kongress zur Mitarbeiterbeteiligung in Unternehmen, der in den Räumen der Behringwerke stattfand.

Mit einer mechanischen Schreibmaschine habe ich mein Manuskript damals geschrieben. Erst einige Wochen später erhielt ich meinen ersten sprechenden Computer.

Auf den ersten Beitrag für die Wirtschaftsredaktion folgten weitere. Auch für andere Ressorts im HR wurde ich tätig. Vor allem Dr. Jörg-Dietrich Weder von der Umweltredaktion, Dr. Karl-Heinz Götte vom Sozialfunk, Jutta Stork vom HR3-Verkehrsfunk und Dr. Karl-Heinz Wellmann von der Wissenschaftsredaktion sowie Dr. Armin Conrad von „Unterwegs in Hessen“ (UiH) waren wichtige Ansprechpartner.

Durch sie gelangte ich auch an Aufträge anderer HR-Redaktionen. Auch wurden einige Beiträge von anderen Anstalten der Arbeitsgemeinschaft Öffentlich-Rechtlicher Rundfunkanstalten in Deutschland (ARD) ausgestrahlt. HHinzu kam ein zufällig entstandener Kontakt zu Dr. Joachim Baumann vom Deutschlandsender Kultur, für den ich dann auch regelmäßig Beiträge erstellte.

Während meine Beiträge im Wirtschaftsfunk von Sprechern verlesen wurden, sprach ich die Manuskripte für die meisten anderen Redaktionen selbst auf. Für ein 55-minütiges Hörfunkfeature wählten Redakteur Dr. Peter Strauß und ich eine Mischform.

Gelegentlich durfte ich auch live berichten. Angesichts meiner Schwierigkeiten beim Aufsprechen der Manuskripte war das lockere Live-Interview für mich die entspannteste Form neben geschnittenen Interview-Aufzeichnungen.

Damals gab es nette und hilfsbereite Tontechniker, die meine O-Töne von der Cassette überspielten und punktgenau schnitten. Gearbeitet wurde mit Bändern, die der Techniker über sogeannte „Bobbys“ drehte und dann mit einer kleinen Kopfschere auseinandertrennte.

Mit der Fachgruppe „Medien“ des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) haben wir Anfang der 90er Jahre im HR-Mutterhaus an der Bertramswiese in Fankfurt einmal einen Schneidekurs für Blinde durchgeführt. Notfalls hätte ich meine Beiträge also auch selber schneiden können.

Der Einzug der digitalen Schneidesysteme sowie der zunehmende Konkurrenzkampf innerhalb des HR haben mir die Mitarbeit dort Ende der 90er Jahre aber immer stärker erschwert. Neid, Missgunst und Intrigen veranlassten mich damals, mich aus einigen Redaktionsbereichen zurückzuziehen, nachdem die Redaktionsleiter entweder pensioniert oder entmachtet worden waren.

Dennoch gilt dem Hörfunk nach wie vor meine große Sympathie. Praktikanten vermittle ich immer auch Grundsätze zu professionellem Sprechen, zur Erstellung von O-Tönen und zur Qualität von Rundfunkbeiträgen.

Gerade hier haben sich die Zeiten leider sehr zum Nachteil verändert. Hatte ich in der zweiten Hälfte der 80er Jahre im HR häufig noch Beiträge von 15 oder 25 Minuten Länge veröffentlichen können, so sank die Durchschnittsdauer im Zuge der durchgängigen Magazinisierung des Programms auf drei Minuten. Für HR4 habe ich sogar Beiträge von nur eineinhalb Minuten erstellt.

Auch die sprachliche und inhaltliche Qualität hat stark nachgelassen. Umso mehr freue ich mich über richtig gute Beiträge, die es glücklicherweise auch immer noch gibt.

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