Kristallnaach: 75 Jahre nach der Reichspogromnacht

„Es war furchtbar, das mitansehen zu müssen“, sagte die Leuchtfeuer-Preisträgerin Käte Dinnebier über den 9. November 1938. Damals wohnte die spätere Kreisvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) in Kirchhain gegenüber der Synagoge.

Überall in Deutschland brannten in dieser Nacht jüdische Gotteshäuser. In Marburg wurde mit der Synagoge an der Universitätsstraße eines der schönsten Bauwerke der Stadt vernichtet.

An ihrem Platz befindet sich heute der „Garten des Gedenkens“. Dort findet am Sonntag (10. November) eine Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Reichspogromnacht statt.

Es waren Nachbarn und ortsbekannte Geschäftsleute, die in der sogenannten „Kristallnacht“ beraubt und durch die Straßen gehetzt wurden. Die Täter waren Nachbarn und ortsbekannte Funktionäre der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) und anderer Nazi-Organisationen. Meist tatenlos zugesehen haben Nachbarn der Opfer, deren Wohnungen und Läden zerstört und deren Eigentum vernichtet wurde.

Die Behauptung, diese Aktion sei eine spontane Entladung des verbreiteten Volkszorns über „die Juden“ gewesen, lässt sich angesichts historischer Dokumente wohl kaum aufrechterhalten. Polizei und Feuerwehr waren zwar zur Stelle; sie griffen aber nicht ein, um die Opfer dieses Verbrechens, ihr Eigentum und die Synagogen zu schützen.

Ich entsinne mich noch genau der Erschütterung, mit der Dinnebier am 19. Januar 2010 in dem – später nach ihr benannten – Saal des DGB von den Pogromen in Kirchhain berichtete. Damals war sie gerade erst sieben Jahre alt. Doch das Geschehen dieser Nacht ist ihr lebenslang in Erinnerung geblieben.

Nur wenige Zeitzeugen können 75 Jahre nach dieser schrekcklichen Nacht noch von den Greueltaten gegen ihre jüdischen Mitbürger berichten. Umso schlimmer ist die jahrzehntelange Verdrängung des genauen Tathergangs und das beharrliche Schweigen über die Täter.

Beängstigend ist auch das Wiedererstarken faschistischer Umtriebe. Fremdenfeindlichkeit wendet sich mit hasserfülltem Zorn gegen Flüchtlinge und Menschen, die durch eine dunklere Hautfarbe anders aussehen als diejenigen, die sich für „gute Deutsche“ halten.

Schon vor gut 30 Jahren warnte die Kölner Band „bap“ eindringlich vor der „Kristallnaach“. Als ich dieses Lied zum ersten Mal hörte, ging es mir total unter die Haut. Leider ist die nur ein magerer Abklatsch der Ursprungsfassung.

Wahrscheinlich hat es Rassismus und Faschismus seit der Nazi-Diktatur immer gegeben. Vermutlich ist er auch älter als die NSDAP.

In Marburg hatte die NSDAP schon vor der Machterschleichung der Nazis überdurchschnittlich hohe Wahlergebnisse erzielt. Sowohl in der Professorenschaft wie auch unter den Studenten waren faschistische Haltungen offenbar weit verbreitet.

Unter dem Beifall der gaffenden Menge wurde in der Pogromnacht die wunderschöne Synagoge niedergebrannt. Das Holzgebälk, das die eindrucksvolle Kuppel trug, brannte wie Zunder. Der Magistrat der Universitätsstadt Marburg hatte die Feuerwehr angewiesen, nicht einzugreifen.

Erst brannten Bücher, dann Synagogen und schließlich ganz Europa. Die Pogromnacht war ein Schritt der faschistischen Mobilmachung zu Massenmord und Krieg. Das spätere Schweigen dazu erscheint mir als ein dreister Versuch vieler Beteiligter, ihre eigene Mitschuld an diesem Verbrechen zu vertuschen.

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