Dieter Hildebrandt lebt: Seine Forderung „Abschalten“ hat der Bayerische Rundfunk missverstanden

Seit ich mich für Politik interessiere, hat er sie auf´s Korn genommen. 1956 gründete er gemeinsam mit dem Journalisten sammy Drechsel die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“. Später folgten eigene Fernsehsendungen unter den Titeln „Notizen aus der Provinz“ und „Scheibenwischer“.

In der Nacht zum Mittwoch (20. November) ist Dieter Hildebrandt in München an Prostatakrebs gestorben. Kaum ein anderer politischer Kabarettist der Nachkriegszeit war so scharfzüngig wie er. Mehrmals drehte der Bayerische Rundfunk (BR) in den 70er Jahren seine „Notizen aus der Provinz“ ab, weil sie ihm zu kritisch waren.

Bei der „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“ gehörte er gemeinsam mit Hans-Jürgen Dietrich alias „Didschi“ zur „jungen Garde“. Anfang der 70er Jahre improvisierten die beiden bei Fernsehauftritten Gags über aktuelle Ereignisse, die nur eine halbe Stunde zuvor in der „Tagesschau“ gemeldet worden waren. Oft hatten sie sich dabei nicht abgesprochen, sodass mitunter einer von beiden bei einem Ausspruch des Anderen selbst lauthals lachen musste.

Gekonnt nahmen ihre Programme den Mief der 60er Jahre auf die Schippe. Wenn die Lach- und Schießgesellschaft am Sylvesterabend ihren „Schimpf vor Zwölf“ aufführte, saß unsere ganze Familie gebannt vor der Mattscheibe.

Treudoof lasen die Schüler Dieter und Didschi rührselige Texte aus Schulbüchern vor.Die gestrenge Lehrerin Ursula Noack wollte den Kleinen in ihren Matrosenanzügen daran erklären, wer der beste Staatsbürger ist.

Frühmorgens gingen die fleißigen Menschlein in diesen Texten heiter an ihre harte Arbeit. Den ganzen Tag über schufteten sie unermüdlich. Sie waren arm, aber glücklich.

Der beste Staatsbürger sei derjenige, der arm ist, aber glücklich, erklärte die Lehrerin. Dann wollte sie von den Schuljungen wissen, wer denn der beste Staatsbürger sei.

Nachdem sie alle Figuren in den Texten genannt hatten, fragte die Lehrerin, wer denn ein noch besserer Staatsbürger sei als diese armen Menschen. Da antworteten Dieter und Didschi wie aus einem Munde: „Der Kultusminister, der diese Schulbücher genehmigt hat!“

Erstaunt wollte die Leherin daraufhin wissen, warum. Die Antwort war einfach und klar: „Er ist ein armer, armer Mann!“

Im Nachklapp zu dieser Nummer erklärten die Kabarettisten, dass alle zitierten Texte Schulbüchern entnommen waren, die immer noch an bayerischen schulen in Gebrauch waren. Einige dieser Texte kannte ich aus dem eigenen Schulunterricht.

Legendär war Hildebrandts Besuch 1985 mit Werner Schneyder in Leipzig. Oft mussten sie ihre Sätze gar nicht beenden, wenn sie die Zustände im Westen mit denen im Osten verglichen.

Dazu gibt es ein Video bei Youtube:

Anfang der 80er Jahre strahlte die ARD regelmäßig Hildebrandts Fernsehsendung „Notizen aus der Provinz“ aus. Mehrmals waren seine Spitzen darin aber so scharf, dass der Bayerische Rundfunk (BR) sich bei laufender Sendung ausschaltete oder gleich von Beginn an aus dem gemeinsamen Programm ausstieg.

Einmal sendete die ARD statt der „Notizen aus der Provinz“ eine Konserve von Jürgen von Manger alias Adolf Tegtmeier als „Zeuge der Geschichte“. In der Folgesendung trat Manger zur Tschaikovski-Erkennungsmelodie der „Notizen aus der Provinz“ auf und begann, in seinem unnachahmlichen Kohlenpott-Slang zu „mangern“.

Erregt trat Hildebrandt von der Seite vor den Bildschirm: „Das ist doch meine Sendung!“ Achselzuckend meinte Manger daraufhin, ihm sei gesagt worden, er solle doch mal so und überhaupt.

Grandios fand ich, wie der eher wenig politische Manger seinen engagierten Kollegen damit dermaßen unterstützte, dass es danach keine weiteren Abschaltaktionen mehr gab. Hildebrandt war im Olymp des deutschen Kabaretts angekommen.

Viele tausend Jahre alte kultische Bauwerke zeigte eine seiner Sendungen. Wer sie betritt, ist des Todes. Das Geheimnis ist allerdings noch nie ergründet worden.

Was dann auf dem Bildschirm erschien, war nicht die Cheops-Pyramide in Ägypten, sondern das Atomkraftwerk Biblis. Eindringlich führte Hildebrandt so die Gefahr der jahrtausendelangen radioaktiven Belastung durch Atomenergie vor Augen. Auf die Problemati der Entnahme von Kühlwasser aus den Flüssen und deren Erwärmung spielte er an, indem er die Erhitzung der Flüsse als soziale Errungenschaft pries: „Deutschland, ein Land von fließend warmem Wasser!“ ´

Grandios waren auch seine Namen für bekannte Politiker. Den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans-Karl Filbinger titulierte er als „schwarzen Nettelbeck vom Neckar“ und den „Mann, der sich nur nach links verbeugt, weil rechts von ihm nur noch die Wand ist“.

Die Demoskopin Elisabeth Nölle-Neumann nannte er die Pythia vom Bodensee. Ihr Umfrage-Unternehmen hieß bei ihm „Institut für angewandte demagogie in allenfalls“.

In einer Verfilmung der satirischen Geschichte „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“ von Heinrich Böll spielte Hildebrandt die Titelfigur. Auf der DVD gab er ein Interview über eine gemeinsame Sitzblockade mit dem Literatur-Nobelpreisträger in Mutlangen.

Angesichts der vielen Bedenken gegen eine Ausstrahlung seiner satirischen Sendungen im Deutschen Fernsehen verwundert seine bitterböse Bemerkung über die Sender nicht: „Die ARD macht sich in jede Hose, die man ihr hinhält. Und die Privaten senden das, was drin ist.

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