1968 wollte er „die Verfassung vor ihren Schützern schützen“: Zum 90. Geburtstag von Wolfgang Neuß

Gestern wurde der Kabarettist Dieter Hildebrandt auf dem neuen Südfriedhof in München begraben. Heute würde sein Kollege Wolfgang Neuß 90 Jahre alt. Neben Hildebrandt gehört er zu den wichtigsten und scharfzüngigsten politischen Kabarettisten im Nachkriegs-Deutschland.

Hans Wolfgang Otto Neuß wurde am 3. Dezember 1923 in Breslau geboren. Gestorben ist er am 5. Mai 1989 in Berlin.

Sein erstes Programm „Die Lachkalorien“ brachte Neuß breits Ende der 40er Jahre auf die Bühne. Berühmt wurde er 1951 als „Der Mann mit der Pauke“.

Unvergessen bleibt sein Kabarettprogramm „Das jüngste Gerücht“ aus dem Jahr 1963, das er auch in der DDR aufführte. Freunde gemacht hat er sich dort damit ebensowenig wie im Westen, wo er Geld für Waffen für den Vietkong gesammelt hat.

„Auf deutschem Boden möge nie wieder ein Joint ausgehen“, sagte er am 5. Dezember 1993 in Abwandlung der Beteuerung „Von deutschem Boden möge nie wieder ein Krieg ausgehen“ in Wolfgang Menges Fernseh-Talkshow „Leute“ zu dem damaligen Regierenden Bürgermeister Richard von Weizsäcker. Den Berliner Bürgermeister sprach er dabei als „Regierender Richi“ an.

Ziemlich heruntergekommen wirkte der langhaarige und zahnlose Neuß damals sschon. Dabei war er als junger Mensch in den 50er Jahren ein Darsteller junger Liebhaber in komischen Filmen und Klamauk-Komödien beispielsweise an der Seite des begnadeten Komikers Heinz Erhardt gewesen.

Im Dezember 1964 erschien die erste Ausgabe seiner Zeitschrift „Neuß Deutschland – Organ des Zentralkomiker-Teams der Satirischen Einheitspartei Deutschlands“ , in der er auch Texte von Wolf Biermann erstmals veröffentlichte. Diese erste gesamtdeutsche Zeitung verulkte das Zentralorgan der DDR namens „Neues Deutschland“.

Wortwitz war sein Metier. Neuß forderte schon 1968 in einem Brief an Willy Brandt: „Man muss das Grundgesetz vor seinen Vätern schützen und die Verfassung vor ihren Schützern!“

Aber er konnte auch ernsthaft sein. In der Verfilmung der Erzählung „Katz und Maus“ von Günter Grass spielte er 1966 die Hauptrolle.

Wegen seiner engagierten politischen Positionierung wurde Neuß ab Ende der 60er Jahre von den West-Medien geschnitten und nahezu totgeshwiegen.

1967 trat er gemeinsam mit Franz Josef Degenhardt, Dieter Süverkrüp und Hanns-Dieter Hüsch auf. Der einmalige Auftrritt wurde später unter dem Namen „Quartett 67“ legendär.

Sein Drogenkonsum gab ihm dann den Rest.

Traurig ist dennoch, dass dieser begnadete Komiker und Kabarettist, Schauspieler und Polit-Aktivist heute so wenig gewürdigt wird. An seinem 90. Geburtstag hätte Neuß das allemal verdient.

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