Ein lebendiger Toter: Trauerfeier für Nelson Mandela einte für einen Tag

In den 80er Jahren haben wir Früchte aus Südafrika boykottiert. Das war der Beitrag kirchlicher Gruppen und von Dritte-Welt-Aktivisten beim Kampf gegen die Apartheid.

Das Gesicht dieses Kampfes war Nelson Mandela. Heute famd unter großer Anteilnahme eine vierstündige Trauerfeier für den ehemaligen Freiheitskämpfer und späteren Präsidenten Südafrikas statt.

Seit meiner Jugend war er das Symbol für den Kampf gegen die ungerechte Benachteiligung von Menschen mit einer dunkleren Hautfarbe. Gemeinsam mit Martin Luther King dürfte er die herausragende Persönlichkeit des internationalen Kampfes gegen Rassendiskriminierung sein.

Sicherlich war er kein Heiliger. Das hat Jens Bertrams in seinem Blogbeitrag zum Tode Nelson Mandelas gut beschrieben. Gerade seine Geradlinigkeit aber ist die bewundernswerteste Eigenschaft Mandelas neben seiner ermutigenden Bereitschaft zur Versöhnung.

Barack Obama nannte ihn bei der Trauerfeier einen „Gigangen der Geschichte“ und ein persönliches Vorbild. Mandela habe ihn zu seinen ersten politischen Aktivitäten angeregt, berichtete der US-Präsident.

Wäre er doch nur so weise wie Mandela und genauso friedlich! Doch statt auf Versöhnung beruht Obamas Macht auf Misstrauen, Schnüffelei und Krieg.

Nicht erwähnt hat der US-Präsident, dass die südafrikanische Regierung Mandela 1962 nur dank der Hilfe des US-Geheimdiensts CIA verhaften konnte. Nach wie vor lässt Obama seine Geheimdienste foltern und morden.

Immerhin hat er anlässlich der Trauerfeier dem kubanischen Präsidenten Raoul Castro die Hand gereicht. Denkbar war das wohl nur wegen der ideellen Gegenwart Mandelas, die diese Versöhnungsgeste geradezu erzwang.

Viele der allfälligen Lobgesänge von Politikern auf Mandela klingen schräg oder gar schrill. Sie legen beredtes Zeugnis ab von der Bereitschaft vieler Politiker, Personen je nach Gutdünken als „Freiheitskämpfer“ oder „Terroristen“ zu titulieren, wie man es zur eigenen Machterhaltung eben gerade braucht.

Die selben Politiker, die iher Trauer über den Tod Mandelas tränenreich Ausdruck verleihen, genehmigen Waffengeschäfte mit diktatorischen Regimen wie Saudi-Arabien und unternehmen nichts zum Schutz der Bürger vor geheimdienstlicher Schnüffelei. Sie schützen Flüchtlinge nicht vor rechten Aggressionen, legen rassistische Polizeibeamte und Geheimdienste nicht an die Leine und schotten die Grenzen Europas ab gegen die Armut aus Afrika.

Vielleicht deswegen hat Mandela seine Macht nach fünf Jahren wieder abgegeben: Er wollte sich nicht korrumpieren lassen. Er wollte Mensch bleiben und nicht Herrschender werden.

Mir sind zwei Menschen begegnet, die Mandela persönlich kannten. Die Eine war die großartige Sängerin Miriam Maceba, die auf der Schlossparkbühne in Marburg ein beeindruckendes Konzert gegeben hat. Der andere war ein deutschstämmiger Pfarrer, der wegen seines Engagements gegen die Apartheid selbst einige Monate in einem südafrikanischen Gefängnis verbracht hat.

Er hat mir erklärt, dass „Nelson“ der „Sklavenname“ sei, den die Weißen den Ureinwohnern verpasst hätten. Die Erniedrigung beginne in Südafrika schon mit den Namen, die die Kinder von den Weißen zugeteilt bekämen.

Beeindruckt bin ich bis heute davon, wie Mandela all die vielen Herabwürdigungen würdevoll ertragen und sich davon nie hat unterkriegen lassen. Zu Jimmy Carter soll er gesagt haben: „Ja, ich habe gehasst. Aber Hass hätte mich abhängig gemacht von den Unterdrückern.“

Ihn zu überwinden, gab Mandela die Kraft für seine einmalige Karriere. Ohne Hass befand er sich auf Augenhöhe mit den Wärtern in dem Gefängnis. 27 Jahre Haft haben ihn nur deshalb nicht mürbe und wütend gemacht.

Die Versöhnung war Mandelas größte Tat. Sie entspringt sowohl seiner tiefsten humanistischen Überzeugung als auch der Einsicht, dass nur sie dem Land am Kap eine Zukunft eröffnen konnte.

Dafür lieben die meisten in Südafrika ihren „Madiba“. Gut 50.000 Menschen waren ins Stadion zu der großen Trauerfeier am Dienstag (10. Dezember) gekommen. Unter ihnen waren auch 100 Staatsoberhäupter oder Regierungschefs.

Dieser Massenauflauf zeugt von der Bedeutung Mandelas. Wenn die Mächtigen ihn vielleicht auch nicht alle respektieren, so wollen sie sich doch wenigstens mit der Anwesenheit bei dieser Feier schmücken.

Gefreut hat mich, dass das Volk den amtierenden südafrikanischen Präsidenten Jacob Zuma ausgebuht hat. Gefreut hat mich auch die Heiterkeit, mit der die Menschen singen und tanzen in ehrlicher Trauer.

Mandela ist nun Geschichte. Viele Geschichten werden sich wohl bald schon ranken um ihn. Wehren wird er sich trotz seiner Abneigung gegen den Personenkult nicht mehr können dageben.

Wir aber können versuchen, dasVermächtnis von Gewaltfreiheit und Versöhnung bei gleichzeitiger Beharrlichkeit in der Sache weiterzutragen. Menschlichkeit sollte eigentlich etwas Selbstverständliches sein; leider ist sie aber nur sehr selten zu erleben.

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