Jugend auf dem Venusberg: Unser Nachbar Willy Brandt

Jahrelang wohnte er in unserer Nachbarschaft. Mein erstes politisches Engagement hat er ausgelöst.

„Willy wählen“ stand 1972 auf dem Knopf am Revers meiner Jacke. Wählen durfte ich damals zwar nocht nicht; doch unterstützen konnte ich den SPD-Kanzlerkandidaten mit meinem Meinungsknopf bei der Bundestagswahl durchaus.

Willy Brandt wurde am 18. Dezember 1913 in Lübeck als Herbert Ernst Karl Frahm geboren. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 100. Mal.

Im Februar 1968 zog unsere Familie von Lessenich auf den Venusberg. Damals war das noch ein Umzug von einer selbständigen Gemeinde in das Stadtgebiet der Bundeshauptstadt. Heute sind Lessenich und der Venusberg Stadtteile der Bundesstadt Bonn.

Seinerzeit war auf dem Venusberg die Prominenz versammelt. Weniger als 100 Meter von unserem Haus entfernt wohnte Walter Scheel. Knapp 200 Meter weit weg war das Haus des Herzchirurgen Alfred Gütgemanns.

Kaum 20 Meter gingen wir bis zur Villa Soennecken. 350 Meter weit weg wohnte der Eierlikör-Fabrikant Verpoorten.

Bis zu Brandts Haus waren es immerhin gute 800 Meter. Seit 1967 wohnte er in der Dienstvilla des Außenministers am Kiefernweg. Diese Wohnung hat er auch während seiner Amtszeit als Bundeskanzler behalten.

1974 zog er dann in ein Doppelhaus „Am Paulshof“. Das lag nur etwa 150 Meter von unserem Haus am Eibenweg entfernt.

Als Brandt sich mit Brigitte Seebacher zusammentat, bezog er ein Haus in Unkel am Rhein. Damals wohnte auch ich aber schon nicht mehr bei meinen Eltern in Bonn.

Meine Jugend in der Bundeshauptstadt war von der Nähe zu den Politikern und Prominenten geprägt. Zwar hatten wir nur wenig persönlichen Kontakt zu ihnen, doch sahen wir sie mitunter täglich vorbeifahren oder -laufen.

Auf halber Höhe beim Marienhospital lag die Bonner Wohnung von Franz-Josef Strauß. Täglich fuhr ich auf meinem Weg zur Schule daran vorbei.

Als Leonid Breschnew Bonn besuchte, fuhr er im offenen Wagen den Haager Weg entlang zu Brandts Dienstvilla am Kiefernweg. Dicht an dicht standen die jungen Polizisten. Beunruhigt umringten sie die drei Jugendlichen von der Jungen Union (JU), die den vorbeifahrenden Breschnew ausbuhten.

Ich indes hatte große Sympathien für Brandt. Sowohl sein antifaschistischer Kampf im Untergrund als auch sein Auftreten 1963 zusammen mit dem US-Präsidenten John F. Kennedy hatten mich sehr für ihn eingenommen.

Häufig ging ich den Weg am Waldrand hinter Brandts Haus entlang. Wenn wir von der evangelischen Kirche zur katholischen gingen, kamen wir zunächst am Alterssitz des Ex-Bundespräsidenten Heinrich Lübke vorbei und dann an Brandts Anwesen.

Meine jüngeren Geschwister gingen am Martinstag bei Brandts „schnörzen“. An diesem Abend saß Ruth Brandt in dem kleinen Pförtnerhäuschen bei den Polizisten, die Brandts Anwesen bewachten. Großzügg ga sie den Kindern Süßigkeiten, weshalb die gesamte Kinderschar vom Venusberg dort vorbeikam und Martinslieder sang.

Einkaufen ging Brandts zweite Ehefrau Ruth auf dem Venusberg auch selbst. Dabei ließ sie sich geduldig ansprechen und nahm sich >Zeit für die Menschen.

Das brachte der Kanzlersgattin großen Respekt bei der Bevölkerung ein. Brandts uneheliche Abkunft hingegen veranlasste auch meinen Vater 1969 noch zu spöttischen Bemerkungen.

Niemand hat diesen Umngang mit Brandt und seiner Ostpolitik wohl treffender karikiert als Wolfgang Menge in seiner Fernsehserie „Ein Herz und eine Seele“. Über das „Ekel“ Alfred Tetzlaff konnte aber auch mein Vater herzlich lachen.

Neidlos hat mein Vater später Brandts „Ostpolitik“ anerkannt. Allerdings bedurfte es einiger Zeit für diesen Sinneswandel.

Meine Generation hingegen war zum allergrößten Teil auf der Seite Brandts. „Mehr Demokratie wagen“ war ein Slogan so ganz nach unserem Geschmack.

1972 saß mein gesamter Geschichtskurs in einem Klassenraum und zitterte mit Brandt wegen des Misstrauensvotums. Der CDU-Vorsitzende Rainer Barzel wurde von fast allen als „Fiesling“ beschimpft, während Herbert Wehners ironische Rede sie begeisterte.

Brandts Kniefall im Warschauer Ghetto hat mich tief beeindruckt. Diese Geste der Versöhnung wurde gekrönt mit dem Friedensnobelpreis, den er zweifelsfrei wirklich verdient hat.

Umso mehr erschütterte mich wie auch meine Schulkameraden 1974 der Kanzlersturz. Als Helmut Schmidt zum Nachvolger von Brandt gewählt wurde, war die SPD damit für mich erledigt.

Einen Makel auf Brandts Kanzlerschaft stellte für mich auch der sogenannte „Radikalenerlass“ dar. Später hat Brandt selbst ihn als seinen „größten Fehler“ bezeichnet.

Seine größte Errungenschaft hingegen war die „Ostpolitik“. Ihre Auswirkungen konnte ich später selbst erleben, wenn ich in die DDR fuhr oder von West-Berlin in den Ostteil der Stadt ging. Auch teile ich die Einschätzung, dass diese Politik ein Steinchen im Mosaik der Auflösung des Ostblocks und der Beendigung des „Kalten Kriegs“ darstellt.

Noch einmal habe ich Brandt erlebt, als am 9. November 1989 die Wiedervereinigung begann. Er war zweifelsohne einer der Väte dieser Entwicklung.

Genau entsinne ich mich noch an seinen Besuch in Erfurt und die begeisterten „Willy“-Rufe der Menge. Lächerlich war der Kommentar eines DDR-Radioreporters, dass damit wohl Willi Stoph gemeint sei.

Eine Tagung der Industriegwerkschaft Medien haben wir viele Jahre später im Schlosshotel Kassel durchgeführt. Stolz hüteten die Hotelbediensteten die beiden Suiten, in denen Stoph und Brandt sich zum zweitenmal getroffen und über den Grundlagenvertrag verhandelt haben.

Wenn Brandt genannt wird, muss man natürlich auch seine Mitarbeiter erwähnen. Allen voran denke ich an Egon Bahr, den ich vor einigen Jahren einmal kennenlernen durfte.

Wie Brandt zähle ich auch ihn zu den großen politischen Persönlichkeiten, von denen es heute leider nur noch wenige gibt. Mit Nelson Mandela ist am Donnerstag (5. Dezember) gerade erst wieder einer der letzten abgetreten.

Solche Menschen bleiben indes nicht nur durch die Namen von Straßen und Plätzen oder gar Häusern im kollektiven Gedächtnis; wahrscheinlich werden Kinder ihre Namen dereinst in Geschichtsbüchern lesen wie wir heute die von Gustav Stresemann oder Mahatma Ghandi. Ich aber entsinne mich noch meines einstigen Nachbarn vom Venusberg und meiner Jugend in räumlicher und geistiger Nähe von Willy Brandt.

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Ein Kommentar zu “Jugend auf dem Venusberg: Unser Nachbar Willy Brandt

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