Ein Sieg der Stillen Diplomatie: Hans-Dietrich Genscher befreit Michail Chodorkowski

„Ich bin heute gekommen“, begann Hans-Dietrich Genscher im Sommer 1989 seine Rede auf dem Balkon der Deutschen Botschaft in Prag. Wer erinnert sich nicht an die Aufnahmen von seinem Auftritt vor hunderten begeisterter Menschen im Garten der Botschaft, die aus der DDR dorthin geflohen waren,um über die Tchechoslowakei nach Westdeutschland auszureisen. Genschers Besuch in Prag war ein Stein im Mosaik der Auflösung der Block-Konfrontation und des Kalten Kriegs.

Vielleicht wird die Begrüßung des einstigen russischen Ölmagnaten Michail Chodorkowski am Freitag (20. Dezember) auf dem Berliner Flughafen Schönefeld später ebenso in die Geschichte eingehen wie Genschers Rede in Prag. Jedenfalls ist dem 86-jährigen Polit-Pensionär mit der Freilassung des russischen Dissidenten offenbar etwas gelungen, was die aktiven Politiker anscheinend nicht zustandebringen.

„Stille Diplomatie“ ist Genschers Stärke. 18 Jahre lang hat er sie als Bundesaußenminister ausprägen können. Kein anderer hat das Auswärtige Amt (AA) so lange geleitet wie er.

Zuvor war er fünf Jahre lang Bundesinnenminister gewesen. In diese Zeit fiel das Attentat auf die Olympischen Spiele 1972 in München und der blutige Befreiungsversuch der Geiseln. Genscher zog daraus die Konsequenz, mit der Grenzschutzgruppe 9 (GSG9) eine Spezialeinheit der Polizei für besondere Einsätze aufzubauen.

Als Außenminister wirkte er weitaus weniger martialisch. Zum Ende seiner 18-jährigen Amtszeit im AA war er wohl einer der populärsten Politiker Deutschlands.

An viele Auftritte Genschers erinnere ich mich noch. Persönlich getroffen habe ich den FDP-Politiker aber nie. Gelegentlich fuhr er jedoch im Auto bei uns auf dem Venusberg vorbei zu seinem Parteifreund Walter Scheel.

Mein Vater allerdings war im Auswärtigen Amt tätig. Von seinem Minister Genscher sprach er immer mit höchstem Respekt.

Was die alte Schule der Diplomatie zu leisten vermag, das hat Genscher der Welt mit der unerwarteten Freilassung Chodorkowskis auf überraschende Weise vor Augen geführt. Beharrlichkeit und Feinfühligkeit zahlen sich eben aus.

Manchen mag das Paktieren und Kungeln mit Machthabern wie Vladimir Putin unmoralisch erscheinen; Genscher hat es mit dem humanitären Ziel seiner Aktion gerechtfertigt. Moral verlangt eben einerseits Standfestigkeit und das aufrechte Eintreten für das Recht, andererseits aber auch Respekt vor Andersdenkenden und Rücksicht auf Grundwerte wie das Recht auf Leben. Moralische Politik begibt sich immer auf´s Glatteis, während utilitarische Machtpolitik schon in die gefährliche Gletscherspalte hineingerutscht ist.

Für mich ist Genscher auch keine unumstrittene Lichtgestalt. Aber er ist eine jener politischen Persönlichkeiten, die die Bundesrepublik maßgeblich mit geprägt haben. Gemeinsam mit dem SPD-Bundeskanzler Willy Brandt hat er die Ostpolitik vorangetrieben, an deren Ende 1989schließlich die Rede auf dem Balkon der deutschen Botschaft in Prag und wenige Monate später die Öffnung der Berliner Mauer standen.

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