Immer noch Faschismus, Rassismus, Ausgrenzung: Gedenken ohne Folgen?

Fassungslos stehe ich immer wieder vor der Frage, wie Menschen anderen Menschen so etwas antun können. Trauer durchströmt mich, wenn ich mir vergegenwärtige, dass das massenhafte Morden und die Herabwürdigung anderer Menschen allein wegen ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Orientierung oder Behinderung immer noch alltäglich ist.

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau wurde am 27. Januar 1945 durch aliierte Truppen befreit. Seit 2005 begeht die Völkergemeinschaft am Jahrestag dieser Befreiung einen Gedenktag gegen Faschismus und Massenmord.

Gibt es aber ein ehrliches Gedenken ohne Folgen? Ist es nicht geradezu eine Verhöhnung der Toten und der Lebenden, wenn Politiker und Prominente bei Festveranstaltungen tiefe Trauer bekunden, gleichzeitig aber nichts gegen eine Politik tun, die Rassistische Verfolgung und Morde, Ausgrenzung und Krieg sogar in ihrem eigenen Machtbereich zumindest zulässt?

„Was ist das, was in uns lügt, hurt, stiehlt und mordet?“ Diese Frage stellte der revolutionäre Dichter Georg Büchner 1835 in seinem Drama „Dantons Tod“. Hinzufügen müsste man wohl auch die Frage: „Was ist das, was uns abstumpft gegen die Not und das Elend der Anderen?“

In der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft haben viele sicherlich aus Furcht um ihr Leben und um ihre Lieben geschwiegen. Doch Zigtausende hatten den Mut, ihre Überzeugung trotz der Gefahren zu bekunden und sich sogar gegen den Faschismus zu engagieren.

Mein Vater war als Einziger an der ganzen Schule nicht in der Hitler-JJugend. Aus christlicher Überzeugung hatte sein Vater ihm eine Mitgliedschaft in der Nazi-Jugendorganisation verboten.

Mein Großvater soll auch Juden bei der Flucht geholfen haben. Genaueres weiß ich darüber allerdings nicht. Allerdings wurde er nach Kriegsende deswegen von der russischen Besatzungsmacht respektiert und gefördert.

Hätte ich selber während der Nazi-Zeit gelebt, währe ich aufgrund meiner Behinderungen wahrscheinlich kastriert oder sogar ermordet worden. Zwei meiner Behinderungen stehen auf der Liste der Indikationen des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Es bildete die „rechtliche“ Grundlage für die Sterilisierung und den Massenmord an Behinderten und Kranken.

Mutige Männer wie der blinde Bürstenfabrikant Otto Weidt sollten allen Menschen ein Vorbild sein. Doch wer kannte den Berliner Kleinunternehmer vor der Verfilmung seines Lebens überhaupt? Wer besucht das Otto-Weidt-Museum in seinen Produktionsräumen an der Rosenthaler Straße in Berlin?

Ich wünsche mir eine Kultur des aktiven Gedenkens. Ich wünsche mir, dass Antifaschismus als das Engagement für Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz verstanden wird.

Wenn ich bei angeblich antifaschistischen Demonstrationen Parolen wie „Weg mit der braunen Brut“ höre, wird mir übel. Diese Haltung hat nichts wirklich Antifaschistisches.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Bewusst haben die Mütter und Väter des Grundgesetzes diesen Satz mit genau dieser Formulierung an den Anfang ihres Verfassungstexts gestellt. Sein apodiktischer Charakter soll keinerlei Zweifel über eine mögliche Infragestellung dieser Maxime aufkommen lassen.

Dennoch findet der Angriff auf die Menschenwürde auch in der Bundesrepublik tagtäglich statt. Das kann und will ich nicht tatenlos hinnehmen. Deshalb engagiere ich mich auch in der Humanistischen Union (HU).

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