Urteilskraft ohne Vorverurteilung: Meine Erinnerungen an Reinhard Kühnl

Im Schulunterricht haben wir seine Faschismustheorie durchgenommen. Zehn Jahre später habe ich selbst mit ihm auf einem Podium diskutiert.
Prof. Dr. Reinhard Kühnl ist am Montag (10. Februar) in Marburg verstorben. Er wurde 77 Jahre alt.
Die letzten Jahre litt er an einer schweren Krankheit. In Erinnerung geblieben ist mir aber der politisch engagierte streitbare Wissenschaftler mit scharfem Verstand und einer sehr menschlichen Grundhaltung.
Besonders genau erinnere ich mich an die Diskussion mit ihm bei einer Mitgliederversammlung des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) im Bürgerhaus Cappel. Damals ging es um die Dissertation seines Doktoranden Mohammed Rezza Malmanesch über Prof. Dr. Carl Strehl.
Während der Nazi-Zeit hatte Strehl versucht, die von ihm mit aufgebaute Deutsche Blindenstudienanstalt (BliStA) zu schützen, indem er mit den Faschisten paktierte. Dass der überzeugte Freimaurer kein Faschist war, ist unstrittig. Gestritten aber wurde darüber, ob sein Paktieren mit den Nazis nicht weit über das notwendige Maß hinausging.
Kaum eine Bibliothek in Deutschland besaß eine so umfangreiche Sammlung an faschistischer Literatur. Nahezu alle Werke nationalsozialistischer Autoren lagen in Brailleschrift vor.
Schon frühzeitig wurde der eigentliche BliStA-Gründer Prof. Dr. Alfred Bielschowsky aus dem Vereinsvorstand hinausgedrängt, weil er Jude war. Treibende Kraft dabei war Strehl, den Bielschowsky 1916 für die Unterstützung kriegsblinder Rehabilitanten angeworben hatte.
Bei der DVBS-Mitgliederversammlung erklärte Kühnl, er zumindest könne nicht sicher sagen, wie er selbst in einer ähnlichen Situation gehandelt hätte. Vielleicht habe die Sorge um den Fortbestand der BliStA Strehl ja zu einer Reaktion veranlasst, die über das zwingend notwendige Maß hinausging. Wer könne das heute noch richtig einschätzen?
Übrig blieb am Ende die Frage, warum Strehl sein Verhalten nach Ende des Zweiten Weltkriegs nie öffentlich thematisiert hat. Bei mir blieb großer Respekt für die Weigerung Kühnls, Strehl wegen seines Verhaltens zu verurteilen.
Dieser Respekt prägt seither meine Haltung zu Kühnl. Auch wenn ich nie bei ihm studiert habe, war er für mich doch ein Lehrmeister und eine moralische Instanz. Solche Menschen wie ihn wünschte ich mir mehr.

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