Aschermittwoch mit Franz-Josef: Vom Fils in Vilshofen zur gähnenden Grusel-Rhetorik

„Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, singen die Rheinländer traurig. Die Bayern jedoch lassen erst an diesem Tag die Sau ´raus. Unvergessen sind die Veranstaltungen des CSU-Urviechs Franz-Josef Strauß in Vilshofen.

Über 20 Jahre lang wetterte der beleibte Bayer dort im Wolferstedterkeller über seine politischen Gegner. Dabei ließ Strauß hemmungslos die Sau ´raus. Seine Wortwitze und derben Draufhauereien waren Legion.

Ein Demokrat war mein fetter Vornamensvetter nicht gerade; aber er war ein genialer Redner. Seine Rhetorik überzeugte so sehr, dass er die Bayern-Partei (BP) – 1946 Veranstalterin des ersten Politischen Aschermittwochs nach Kriegsende – in Grund und Boden redete.

Angesichts ihres rhetorischen Spitzentalents wurde der CSU der Wolferstedter Keller bald zu klein. Heute trifft dort die SPD weniger ihren politischen Gegner als eher die eigenen Genossen.

Bewusst sein sollte sich die Anhängerschaft der derben Volksbelustigung auf Kosten anders Denkender immer der Tatsache, dass die Nazis die alte bayerische Markttradition während des „Dritten Reichs“ für ihre Zwecke ummünzten. Das Vokabular von „Ratten und Schmeißfliegen“ beherrschte Strauß auch genauso gut wie die braunen Demagogen.

Strauß war ein brillianter Rhetoriker und ein gemeiner Demagoge. Meinen Vater hat er so sehr beeindruckt, dass er mich 1955 nach dem damaligen bayerischen Nachwuchs-Politiker benannte.

Zeitlebens habe ich mich wegen meines Vornamens von Strauß distanzieren müssen. Erst langsam lernte ich, dass darin für mich auch eine große Chance bestand: Diesen Vornamen vergaßen meine Mitmenschen nicht so leicht!

Zwischenzeitlich ist das allerdings anders geworden. Strauß ist beim fröhlichen Jagen (FJ) in den Untergrund gegangen oder den Himmel aufgestiegen, sofern eine höhere Gottheit ihm Gnade gewährt oder seine Verdammnis verfügt hat.

Unvergessen ist ein Auftritt des CSU-Politikers in einer Fernseh-Talkshow bei Alfred Biolek. Darin parodierte Strauß sich dermaßen gut selbst, dass ich mindestens eine Viertelstunde lang daran zweifelte, dass da wirklich der echte Strauß vor der Kamera saß. Auch Biolek blieb glatt die Spucke weg.

Witz in der Politik war früher mehr als heute. Heutzutage wirken die meisten Aschermittwochsreden von „Spitzenpolitikern“ eher bemüht. Scharfe Spitzen gelingen nur den Wenigsten.

Aber zum Abschluss des rheinischen Karnevals ist das Großreinemachen der Polit-Promis ein kleines I-Tüpfelchen auf der ansonsten gähnenden Langeweile in Berlin. Gegenüber Franz-Josef Strauß wirken sie indes fast alle wie I-Dötzchen. Wenn sie die – von Strauß heftig praktizierte – Korruption der Politik bekämpfen wollten, müssten sie nicht mit der Kavallerie in der Schweiz einreiten, sondern die Krim-Tutoren in den Reichstag einfallen lassen.

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