Trotz Fluch in die Luft gegangen: 30 Jahre Startbahn West

Die „Startbahn 18 West“ des Frankfurter Flughafens wurde am 12. April 1984 in Betrieb genommen. Vorausgegangen waren ihrer Inbetriebnahme jahrelange Proteste von Umweltschützern und den Bewohnern der umliegenden Region. Doch selbst aus Marburg haben sich zahlreiche Menschen an den Aktionen gegen die Startbahn beteiligt.
Vor allem an die große Demonstration am 14. November 1981 in Wiesbaden erinnere ich mich noch ganz genau. Damals saß ich mit Herbert Rusche im Lautsprecherwagen. „Gries ist gut im Küchenschrank, nicht auf der Ministerbank“, lautete damals eine der Parolen der Startbahngegner.
Gemeint war damit der Hessische Innenminister Ekkehard Gries. Der FDP-Politiker wurde vor allem für die harten Polizeieinsätze verantwortlich gemacht, mit denen der Bau der Startbahn im Bannwald brutal durchgesetzt wurde.
Bei Umweltschützern machte sich der Hessische Ministerpräsident Holger Börner durch die Aussage unbeliebt, auf dem Bau habe man „so was mit der Dachlatte erledigt“. Daraufhin war der SPD-Politiker als „Dachlatten-Holger“ verschrien.
Doch selbst die ständigen Demonstrationen und die Errichtung eines Hüttendorfs mit Kirche brachten die SPD-FDP-Landesregierung nicht von ihrem Vorhaben ab, die 400 Meter lange Nord-Süd-Piste zu bauen. Um die Rodung der Bäume zu ermöglichen, wurde das Hüttendorf geräumt und um die Baustelle eine Betonmauer errichtet.
Der Frankfurter Magistratsdirektor Alexander Schubart versuchte daraufhin, das verhasste Bauprojekt mit Hilfe eines Volksbegehrens zu verhindern. Bei einer überfüllten Veranstaltung in einem Hörsaal der Philipps-Universität erläuterte der Jurist sein Vorhaben 1981 auf Einladung der Grün-Bunt-Alternativen Liste (GBAL) im AStA Marburg.
Ohne größere Mühe brachte die Bewegung 220.000 Unterschriften zusammen. „Aschu“ – wie Schubart in der Bewegung nur genannt wurde – übergab sie gemeinsam mit weiteren Sprechern der Anti-Startbahn-Bewegung bei der Demonstration am 14. November 1981 in Wiesbaden dem Landeswahlleiter.
Mit dem Ford Transit der Grünen Hessen hatten der Landesgeschäftsführer Herbert Rusche und ich frühzeitig Stellung vor dem Wiesbadener Hauptbahnhof bezogen. Dem Demonstrationszug zum Sitz des Landeswahlleiters sollte der Kombi als Lautsprecherwagen dienen. Herbert steuerte den Wagen, während ich ins Mikrophon sprach.
Als wir ankamen, erwartete uns ein Häuflein von vielleicht 30 Menschen. Nach und nach kamen Demonstrierende hinzu, sodass die Zahl allmählich auf mehrere Hundert anstieg.
Wir waren skeptisch, ob das wirklich die große Demonstration werden würde, die „Aschu“ angekündigt hatte. Aber ich begann tapfer, die Ankommenden nach Herberts Anweisungen mit Durchsagen so zu dirigieren, dass Platz frei wurde für weitere Ankömmlinge.
Dann strömten plötzlich die Massen. Nach und nach rollten aus allen Richtungen ganze Züge voller Demonstranten in den Bahnhof ein.
Schließlich war der Platz voll von Menschen. Eigentlich war kein Platz mehr für weitere Demonstranten; aber imme rnoch strömten die Massen.
Dann ertönte plötzlich lauter Jubel. In Sichtweite näherte sich weit hinten der zweite Demonstrationszug. Einen dritten gab es ja auch noch!
„Reiht Euch ein in unsern Marsch; tretet Börner in den“, „, rief ich ins Mikro. „Achtung, Achtung; hier sprechen die Massen: Börner und Gries, Ihr seid entlassen. Achtung, Achtung; hier sprechen die Cahoten: Diese Regierung wird verboten.“
Es war wirklich ein merkwürdiges Gefühl, meine Vorgaben zigtausendfach vielstimmig wiederholt zu hören. Nie wieder im Leben habe ich das noch einmal erlebt.
130.000 Menschen haben an diesem Samstag in Wiesbaden gegen die Startbahn demonstriert. Eine so große Demo hat es in Hessen vorher und hinterher nicht gegeben.
Uns war an diesem Abend klar: Die eindrucksvolle Demonstration in Wiesbaden war ein Desaster für die Hessische Landesregierung. Die Startbahn hatte eine politische Bruchlandung erlebt.
Als am darauffolgenden Tag die Polizei eine lockade auf der Autobahn brutal niederschlug, da mutmaßten wir, dass dabei Provokateure ihre Hand im Spiel hatten. Schüsse auf Polizeibeamte konnten ebensowenig von der militanten – aber immer friedlichen – Anti-Startbahn-Bewegung abgefeuert worden sein.
Später erfuhr ich, dass Börner an diesem Abend seinen Rücktritt einreichen wollte. Die Aktivitäten am darauffolgenden Tag hätten ihn dann wieder umgestimmt.
Bei den Tolerierungsverhandlungen zwischen der SPD und den Grünen im Hessischen Landtag habe ich Börner später persönlich kennengelernt. Körperlich war er ein Riese; menschlich war er unerwartet feinfühlig und dünnhäutig.
Zwölf Jahre danach bin ich nach Griechenland geflogen. Beim Abheben der Maschine verkündete der Pilot, wir seien über die Startbahn West in die Luft gegangen. Zwölf Jahre zuvor wäre ich bei einer derartigen Durchsage wohl in die Luft gegangen, aber nun ließ siue mich fast kalt.
Über die Jahre hinweg habe ich aber immer die Klagen über den Fluglärm rund um den Rhein-Main-Airport verfolgt. Wenn ich in Südhessen war, habe ich mir kaum vorstellen können, wie die Leute dort bei diesem Lärm schlafen konnten.
Das Nachtflugverbot habe ich später bei Besuchen in Südhessen als wohltuend empfunden. Tagsüber ist es dort aber nach wie vor unerträglich laut.
Die Durchsetzung der Startbahn war ein Lehrstück in Demokratie: Die Mächtigen machen sowieso, was sie wollen. Proteste sind ihnen dabei fast ganz egal.
Ganz unbeeindruckt sind sie davon aber nicht geblieben. Ohne die Startbahn wären die Grünen in Hessen nicht so groß geworden, dass Börner mit ihnen eine Regierung bilden musste.
Modernen Flughäfen hängt außerdem ein unheimlicher Fluch an: Der Luftverkehr ist tnicht nur unökologisch und mitunter schädlich für das soziale Miteinander der Menschheit; seine Bodentruppen bekommen auch immer mehr Probleme mit dem Bau der Flughäfen.
Der Aufsichtsrat des Flughafens Berlin-Brandenburg (BER) hat seinem Vorstandsvorsitzenden Hartmut Mehdorn am Freitag (11. April) weitere Finanzspritzen verweigert. Einen Mann in dieses Amt zu berufen, der schon die Deutsche Bahn AG (DBAG) bis zur Funktionsuntüchtigkeit heruntergewirtschaftet hat, war wohl auch ein Akt der Verzweiflung gewesen angesichts des Mangels an geeigneteren Managern.
Fluchhäfen sind zu Kultstätten der Engel des Mammons verkommen. Fliegen ist die oftmals unnötige Begleiterscheinung einer menschenfeindlichen Globalisierung der Armut, der Ausbeutung und des Ausplünderns der Welt durch Banken, Hedgefonds, transnationale Konzerne und skrupellose Milliardäre.
Sicherlich würde auch ich wieder in die Luft gehen, wenn ich in ein fremdes Land reisen wollte. Doch wo immer es möglich ist, reise ich mit der Bahn. Reisen wird dann zum sinnlichen Erlebnis, bei dem sich Landschaft und Leute mit dem Klima allmählich verändern.
Vor 30 Jahren haben Startbahn-Gegner die Bäume vernagelt, um die Motorsägen beim Abholzen zu beeinträchtigen. Damals wie heute sind diejenigen vernagelt, die derartige Projekte immer noch ausbauen wollen.
Wie der teure und weiterhin unvollendete Fluchhafen BER deutlich zeigt, ist der Bau eines Großflughafens heutzutage nahezu unmöglich. Deshalb lautet meine Devise: Bleibe am Boden, mit beiden Beinen!

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