Hartz raubt Menschenwürde: Wie viel Geld haben Sie in Ihrer Tasche?

„Wie viel Geld haben Sie in der Tasche?“ Ausgerechnet am Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen wurde dem blinden Journalisten Jens Bertrams im KreisJobCenter Marburg-Biedenkopf (KJC) diese erniedrigende Frage gestellt.

Seine Empfindungen hat er umgehend niedergeschrieben. Mit diesem erschütternden Text hat er sich die geraubte Menschenwürde auf eindrucksvolle Weise zurückgeholt.

Fassungslos stehe ich da und frage mich, wer solche Gesetze verbrochen hat, in denen Leistungsberechtigte wie Verbrecher behandelt werden. Wut, Trotz und Trauer mischen sich in meinen Gefühlswallungen.

Behinderte sind überproportional oft arbeitslos. Nur wenige haben überhaupt eine Chance, eine Stelle am regulären Arbeitsmarkt zu ergattern.

Jens Bertrams arbeitet ehrenamtlich beim Ohrfunk. Was er dort auf die Beine stellt und in den Äther hinaussendet, das braucht den Vergleich mit seinen professionellen Kollegen nicht zu scheuen.

Im Gegenteil: Häufig sind seine Beiträge besser recherchiert, besser moderiert und besser formuliert. Dennoch kriegt er in den regulären Medien keine Chance.

Und dann muss er sich auch noch dermaßen demütigende Fragen gefallen lassen, wenn er seinen Antrag auf Hartz IV verlängern will! Das ist menschenverachtend und eklig.

„Einem nackten Mann kann man nicht in die Tasche greifen“, sagt ein Sprichwort. Die Bundesagentur für Armut (BA) straft diese Aussage offenkundig Lügen.

Wer solche Gesetze gemacht hat, möge sich bis auf den Grund seiner Seele schämen, so er denn dergleichen noch haben sollte! Wer solche Gesetze befürwortet oder rechtfertigt, sollte sich den Text von Jens Bertrams einmal durchlesen und sich fragen, wie er selbst sich in einer vergleichbaren Situation fühlen würde.

Als ich vor knapp 30 Jahren mit dem Journalismus begann, vertrat ich noch die Idee einer neutralen Berichterstattung. Wer aber kann gegenüber Zuständen wie denen im JobCenter als ethisch denkender und fühlender Mensch noch neutral bleiben?

Während ich für den Hessischen Rundfunk (HR) arbeitete, wurde mir zunehmend klar, wie wenig viele Kollegen von der Situation behinderter Mitmenschen verstehen. Seither weiß ich, wie gut es ist, dass Betroffene selbst über ihre Angelegenheiten berichten.

Seit ich den Text von Jens Bertrams über sein Erlebnis im KJC gelesen habe, weiß ich auch, wie wichtig es ist, wenn einer mutig seine Empfindungen in solch einer deprimierenden Situation aufschreibt. Nun wünsche ich mir, dass möglichst viele Menschen diesen eindrucksvollen Text lesen, weiterverbreiten und kommentieren.

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2 Kommentare zu “Hartz raubt Menschenwürde: Wie viel Geld haben Sie in Ihrer Tasche?

  1. Danke für den Kommentar zu meinem Beitrag und für deine Unterstützung. Ich bin ja nun nicht der Einzige, der diese Frage zu hören bekommt, das wird ja seit März wohl jedem Arbeitslosen passieren, der ins Jobcenter kommt. Die Vorstellung ist ekelerregend.

  2. Pingback: Aus Franz-Josef Hankes Blog: Hartz raubt Menschenwürde: Wie viel Geld haben Sie in Ihrer Tasche? - Schikane, Soziales, Menschenwürde, Jobcenter, Gesellschaft, Armut - Mein Wa(h)renhaus

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