Vor 40 Jahren zurückgetreten: Erinnerungen an Willy Brandt und den Kanzlersturz

Für mich kam diese Nachricht wie ein Schock. Mir war sofort klar: Mit dem Rücktritt von Willy Brandt ist die Ära der Erneuerung in der Bundesrepublik vorbei.

Angeblich wegen der Enttarnung seines Mitarbeiters Günter Guillaume als DDR-Spion hatte Brandt sein Amt als Bundeskanzler aufgegeben. Das erfuhren wir am 6. Mai 1974. Doch schon damals zweifelten wir daran, dass das der wirkliche Grund für den Rückzug aus dem Kanzleramt war.

Bereits mit der Benennung des Nachfolgers war die SPD für mich erledigt. Von Helmut Schmidt erwartete ich keine mutige Erneuerung wie von Brandt, sondern Konformität gegenüber Wirtschaft und Militärs.

Diese Erwartung hat mich auch nicht getrogen. Mit seiner Politik war Schmidt mitverantwortlich für die „Terroristen“-Hatz im „Deutschen Herbst“, für das Aufkommen der Grünen wegen einer undemokratischen Atompolitik und für das Erstarken der Friedensbewegung nach dem NATO-„Doppelbeschluss“.

Brandt hingegen blieb für mich weiterhin glaubwürdig. Seit ich politisch auf eigenen Füßen stehe, war und ist er für mich ein Vorbild. Daran hat sich auch durch meine wachsende Distanz zur SPD kaum etwas geändert.

Auf dem Venusberg wohnten wir vom Februar 1968 an in der Nachbarschaft von Brandt und Walter Scheel. Für mich waren beide also nicht nur Politiker aus dem Fernsehen, sondern Menschen, die ich mehrmals die Woche vorbeifahren sah und deren Familienangehörigen ich häufig begegnete. Besonders Brandt war mir sympathisch.

Den Kanzlersturz empfand ich als eine gemeine Intrige des SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner und des von ihm an die Macht gehievten Karrieristen „Schmidt Schnauze“. Beide waren damit für mich moralisch erledigt.

Mit ihnen hatte auch die SPD ihren Glanz verloren. Aus einer Partei des Aufbruchs wurde ein Haufen von Verwaltern bröckelnder Macht.

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