Verstand nur Bahnhof: Gedanken zu einem Gedicht von Sabine Ferber

Was ist Literatur? Was ist Kunst?

Viele lesen, ohne zu verstehen. Viele glauben, zu verstehen, ohne zwischen den Zeilen zu lesen. Die wahre Kunst aber besteht darin, dass das Wichtige zwischen den Zeilen steht.

Kunstfertig und dabei extrem komprimiert sind die Gedichte von Sabine Ferber. Sie folgen dem Prinzip des „Semantischen Quadrats“. In lockerer Folge werde ich hier einige davon vorstellen.

„eine alte Frau, die gerne jung sein wollte, verstand nur Bahnhof, als man ihr sagte, dass der Zug längst abgefahren sei. “

Das sema´ntische Quadrat setzt die Wörter jeder Zeile in Beziehung zueinander und zu den Wörtern der darauffolgenden Zeile. Dabei entsteht ein Kreuzgeflecht zwischen Analogie und Kontradiktion. Somit ist diese Konstruktionsweise ein Ausdruck für die Dialektik des Lebens.

In ihren Gedichten hält sich Sabine Ferber meist sehr streng an diese Struktur. Erstaunlicherweise verstärkt die Form häufig die Aussage noch, was auch der Satz über die alte Frau belegt.

Die „alte“ Frau steht im Gegensatz zu „jung“. Die Tatsache, dass sie alt ist, widerspricht ihrem jung-sein-Wollen. Wunsch und Wirklichkeit stehen also in Widerspruch zueinander.

„Bahnhof“ bezieht sich auf „Zug“. Das Wort „längst“ greift „alte“ wieder auf. Auch „abgefahren“ transportiert diese Konnotation und steht damit im Widerspruch zu „jung“.

Das Verb „verstand“ steht in Bezug zu „sagte“. „Man“ steht „Frau“ gegenüber.

Die Verben „verstand“ und „sagte“ beschreiben Tatsachen in der Vergangenheit, während „jung sein wollte“ und „längst abgefahren sei“ den subjektiven Wunsch der alten Frau der indirekten Rede seiner Unerreichbarkeit gegenüberstellt.

Das Bild vom Bahnhof und dem abgefahrenen Zug versinnbildlicht das Leben als eine Reise, bei der man das Steuer nicht selbst in Händen hält. Diese Metaphorik ergänzt die weit verbreitte Beobachtung, dass alte Frauen gerne jung sein wollen.

Das ungläubige Erstaunen der Hauptperson darüber, dass ihr Wunsch unrealistisch ist, drückt die Floskel „verstand nur Bahnhof“ aus. Gleichzeitig ist der Bahnhof aber auch das zentrale Symbol für einen Ausgangs-, Umsteige- oder Zielort einer Reise. Wenn die alte Frau „nur Bahnhof“ verstand, könnte das auch andeuten, dass sie am Ende ihrer Reise angekommen ist.

Angesichts dieser Erläuterungen stellt sich die Frage, ob das Gedicht nur den verbreiteten Wunsch nach ewiger Jugend problematisiert und dazu auffordert, die Realität des Lebens zu akzeptieren, oder ob es in einer tieferen Schicht nicht auch dazu rät, das Leben zu genießen, bevor der Zug abgefahren ist.

Letztlich mag jeder selbst herauslesen, was er in diesem Gedicht erkennen kann. Meine Ausführungen sind ohnehin unvollständige Anregungen zum Weitrdenken und genauer Hinsehen.

Wer mehr von Sabine Ferber lesen möchte, findet Sprüche und Gedichte auf ihrem Twitter-Account @ferber_s. Ihren Gedichtband „kurze knappe“ stellt die Internetseite www.kurzeknappe.de vor.

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4 Kommentare zu “Verstand nur Bahnhof: Gedanken zu einem Gedicht von Sabine Ferber

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