Von der Raumpatroille zur Reagan-Kritik: Meine Erinnerungen an Dietmar Schönherr

„Ich bin ein Träumer, der die Welt verbessern will.“ So bezeichnete Dietmar Schönherr sich einmal selbst.
der Autor, Sänger, Schauspieler, Showmaster, Sprecher, Regisseur und Friedenskämpfer ist am 18. Juli 2014 auf Ibiza verstorben. Mich hat er von der Mattscheibe aus durch meine Kindheit und Jugend begleitet, bis ich ihm schließlich in Dortmund persönlich begegnet bin.
Seine Science-Fiction-Fernsehserie „Raumpatroille“ war schon früh Kult. Als Commander Cliff Allister McLane steuerte Schönherr das Raumschiff Orion ab 1966 durch diverse Abenteuer und Millionen von Wohnzimmern.
Erst Jahre später habe ich einmal in einer Fernsehsendung gesehen, mit welch einfachen Mitteln die Macher der Sendung die „Special Effects“ erzeugt haben. Aber das Raumschiff Orion zog uns wieder und wieder in seinen Bann. Ihren Kultstatus hat die erste Science-Fiction-Fernsehserie Deutschlands bis heute nicht verloren.
1970 zog Schönherr gemeinsam mit seiner Ehefrau Vivi Bach das Fernsehpublikum auf ganz andere Weise in seinen Bann. In der Spielshow „Wünsch Dir was“ wagte er Spiele, die damals unerhört waren für das biedere deutsche Fernsehen. Zwei Verwandte sollten bei bestimmten Aufgaben beweisen, wie vertraut sie miteinander sind, indem der oder die Eine das Verhalten des jeweils anderen vorab errät.
Gut erinnern kann ich mich noch an den Skandal, als eine junge Spielkandidatin in einem transparenten Oberteil auf die Bühne kam. Die Aufgabe war gewesen, dass der Vater aus bestimmten Kleidungsstcken den Geschmack seiner Tochter erraten sollte. Sie hatten sich vorab in Erahnung einer ähnlichen Aufgabe auf „kurze Hosen“ geeinigt und diese Verabredung beide trotz des gewagten Oberteils eisern eingehalten.
In einer anderen Sendung mussten sich die Mitspieler aus einem Auto befreien, das in ein Schwimmbecken versenkt worden war. Da die Insassen eines Wagens die Türen nicht aufbekommen, mussten Taucher sie in letzter Minute befreien.
Vor oder nach jeder Folge sangen Vivi und Dietmar die Erkennungsmelodie „Wünsch Dir was“ oder „Das Leben meint es gut mit Dänen und mit denen, denen Dänen nahestehen“. Vivi Bach stammte nämlich aus Dänemark.
1973 startete Schönherr die erste Talkshow im deutschsprachigen Fernsehen. Bei „Wünsch Dir was“ führte er kluge und substanziierte Gespräche mit seinen Talk-Gästen, ohne sie vorzuführen oder sich von ihnen als Stichwortgeber vorführen zu lassen.
Neben alledem wirkte Schönherr als Schauspieler und Regisseur in Film und Fernsehen. Außerdem produzierte er als Sprecher und gelegentlich auch Autor Hörspiele und Hörbücher.
Bereits in seinen jungen Jahren wurde seine Stimme dem deutschen Publikum bekannt: Schönherr war der Synchronsprecher des viel zu früh verstorbenen James Dean.
In meiner Heimatstadt Bonn wie auch auf vielen anderen Bühnen in Deutschland und Österreich trat Schönherr als Theaterakteur auf. Daneben war er als Schriftsteller aktiv. Was ich erst spät erfahren habe, war die Tatsache, dass er auch preisgekrönte Kinderbücher verfasst und selbst als Hörbuch aufgelesen hat.
Dieser vielseitig interessierte Mann war zugleich eine hochpolitische Persönlichkeit. Gemeinsam mit vielen anderen Prominenten beteiligte er sich Anfang der 80er Jahre an der Blockade des Atomwaffenlagers im schwäbischen Mutlangen.
Großes Aufsehen erregte Schönherr damals mit einer politischen Äußerung. Den US-Präsidenten Ronald Reagan nannte er angesichts seiner Lobeshymnen auf die nicaraguaischen Contras „Arschloch“.
Diese Aussage wiederholte er auf dem Friedensfest in Dortmund. Dorthin war ich seinerzeit von Marburg aus mit einem Bus gefahren, um das attraktive Programm zu verfolgen. Neben Schönherr traten auch Harry Belafonte und Letta Mbulu aus Südafrika auf.
Natürlich erhielt Schönherr von den angereisten Friedensfreunden begeisterten Applaus für das „Arschloch“. Schließlich war die Stationierung von Perching-2-Raketen durch Reagan das große Thema der Friedensbewegung.
Schönherr habe ich in dortmund als engagierten Menschen erlebt. Seine Rede war überaus mitreißend. Hinterher wirkte er unter den Tausenden in der riesigen Westfallenhalle aber ein wenig verloren.
Dietmar Schönherr wurde am 17. Mai 1926 geboren. Sein Vater war ein hochrangiger Militärkommandeur. Trotz seiner Karriere in der Nazi-Wehrmacht stand er dem Widerstand anscheinend aber näher als Adolf Hitler.
Wie sein Vater hat auch Dietmar Schönherr literarische Texte verfasst. Für mich ist er einer der großen Kulturschaffenden des 20. Jahrhunderts. Seine Vielseitigkeit, Klugheit und sein Engagement suchen in der Medienbranche heute vergeblich ihresgleichen.

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