Hass und Häme herrschen hier vor: Brauchen wir eine neue Ethik für Sozial Media?

Hass und Häme kennzeichnen viele Diskussionen auf Facebook, Twitter und in Blogs. „Erst schießen, dann fragen“ lautet offenbar die Devise vieler Diskutanten. Unter dem vermeintlichen Schutz der Anonymität lassen sie ihren boshaften Trieben freien Lauf.
„Brauchen wir eine neue Ethik für das Internet und die „Social Media“? Diese Frage kann man direkt mit „Ja“ beantworten; aber man kann auch darüber nachdenken, ob diese Gesellschaft nicht grundsätzlich einer ausführlicheren Debatte über Moral und Ethik bedarf.
Vielen Mitmenschen mangelt es auch im sogenannten „Real Life“ an Empathie. Offenbar sind sie nicht in der Lage, sich in andere Menschen hineinzudenken. Ungezügelter Egoismus und grenzenlose Gier sind weit verbreitet.
Schon bei der Erziehung mangelt es häufig an der Vermittlung von Grenzen, die man im Miteinander mit anderen Menschen respektieren muss. Kinder werden auf einen gnadenlosen Konkurrenzkampf getrimmt statt auf Solidarität.
Allerdings folgen ihre Eltern damit auch nur gesellschaftlichen Vorgaben. Die neoliberale Ideologie hat den unbeschränkten Konkurrenzkampf zum Ideal erhoben, das nicht mehr angekratzt werden darf.
An die Stelle des Kategorischen Imperativs ist der kategorische Subjektiv getreten. Das Ego wird zum Maß aller Dinge.
Im Internet nun kann sich diese Haltung besonders wirksam entfalten. Zum Einen kann man sein Ego dort weltweit ausbreiten; zum Anderen ist die soziale Einbindung wesentlich geringer als im menschlichen Neben- oder gar Miteinander.
Vor dem PC sitzt jeder allein. Noch unausgereifte Gedanken fließen unverzüglich in die Tasten. Sekunden später stehen sie auf den Bildschirmen der anderen User.
Hinzu kommt die Verkürzung beim Schreiben. Im persönlichen oder telefonischen Gespräch klingt der fragende oder zögerliche Unterton ebenso mit durch wie eine mögliche Ironie der betreffenden Aussage. Bei Twitter ist das auf 140 Zeichen kaum möglich.
Zudem fühlen sich Menschen in ihren vier Wänden sicherer als draußen, selbst wenn es sich um die blechernen Wände ihres Autos handelt. Ein Eindringen in diese Sphäre wiederum betrachten sie schnell als aggressiven Akt.
Aggression sucht sich im Internet seinen Weg und seine Opfer. Dabei befriedigen viele auch einmal ihre niederen Instinkte. Schadenfreude ist die reinste Freude.
Zivilisierte und kultivierte Debatten sind auf Facebook und Twitter schon wegen der begrenzten Interaktionsmöglichkeiten schwerer als am Telefon oder von Mensch zu Mensch. Möglicherweise schreiben zwei gleichzeitig ein Argument auf, das der jeweils andere bei seiner kurz darauf online angezeigten Antwort noch gar nicht kannte. So kommt es leicht zu Missverständnissen und Misshelligkeiten.
Entgegentreten könnte man diesem Phänomen mit einer bewussten Entschleunigung von Diskussionen: Vor einer Antwort sollte man erst einmal nachdenken, das Posting schreiben und noch einmal durchlesen, bevor man es abschickt. Dann sollte man warten, damit auch die Antwort die nötige Zeit zum Überlegen bekommt.
Wichtig ist aber vor allem das Bemühen um Bescheidenheit und Empathie im alltäglichen Leben. Wer versucht, jeden Menschen so zu behandeln, wie er selber gerne behandelt werden möchte, ist auf dem richtigen Weg.
Ethik kann man allerdings nicht verordnen. Man kann nur versuchen, sie im täglichen Leben zu verwirklichen.
Die Diskussion über Ethik bedarf deswegen einer großen Portion Demut: Nicht der Verfechter der Ethik trägt maßgeblich zu ihrer Verankerung im Alltag bei, sondern derjenige, der sie glaubwürdig praktiziert.
Deswegen bleibt am Schluss die Frage, wie die schlechten Vorbilder zu überwinden sind. Statt der neoliberalen Leistungsideologie bedarf es einer Einsicht in die Notwendigkeit gesellschaftlicher und menschlicher Vielfalt.
Jeder Mensch verdient Respekt. Jeder Mensch trägt seine Würde in einzigartiger Weise. Niemand hat das Recht, einen Menschen wegen seiner persönlichen Eigenheiten herabzuwürdigen oder zu kränken.
Die Debatte darüber beginnt beim Eigenen Handeln. Die Ethik besteht nicht aus Reden, sondern aus Vormachen. Machen wir uns da also besser nichts vor und versuchen wir, das Beste auch allen anderen Menschen vorzumachen! [end]

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2 Kommentare zu “Hass und Häme herrschen hier vor: Brauchen wir eine neue Ethik für Sozial Media?

  1. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – so wieder heute. Anstand, Respekt, Höflichkeit, Mitgefühl: Wer lehrt das schon seine Kinder noch. Besser: Wer kann das seine Kinder noch lehren, wenn Familien auseinander gerissen werden. Es ist ja schon sinnlos, wenn der Familienvater seiner Familie ein Häuschen mit Garten kauft oder baut, um dann sein Arbeitsleben mit zerrissener Familie auf der Autobahn zu verbringen, wenn er Glück hat lebend. weil die Mutti 300 km in die Richtung und der Vater 600 km in die andere Richtung arbeiten muss, so er überhaupt noch Arbeit hat und das Häuschen nicht für die Bank gebaut hat. Und dann haben die Eltern noch Glück, wenn sie die Kinder – gestresst – am Feierabend heil wieder einsammeln können. Während hier z. B. vor Ort die Betriebe wieder zu Ruinen zerfallen. Mich befallen Depressionen, wenn ich die Gebäude sehe, die nach dem Krieg von Frauen mühsam wieder aufgebaut wurden und ganze Familien VOR ORT ernährten.
    So ein Leben ist einer ach so zivilen Gesellschaft unwürdig, passt aber zum Kapitalismus. Wenn das der Fortschritt ist + Handy, Laptop, PC, Stundenausfall in der Schule, fehlene Lehrer wegen Geldmangel, dann Leute, geht es rückwärts mit dem Fortschritt.

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