Sturm auf die Westerplatte: 75 Jahre nach dem Beginn des 2. Weltkriegs in Danzig

„Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.“ Diese Aussage von Adolf Hitler in seiner Rede vom 1. September 1939 ist das wohl berühmteste Zitat verlogener Kriegspropaganda. Tatsächlich hatte Nazi-Deutschland den völkerrechtswidrigen Angriff auf Polen spätestens um 4.45 Uhr mit dem Beschuss der Westerplatte in der Ostsee vor Danzig durch das deutsche Linienschiff „Schleswig Holstein“ begonnen.
Vom Sturm auf die Westerplatte und dem Kampf um die „Polnische Post“ in Danzig hat mir mein Vater aus eigener Anschauung erzählt. Literarisch verarbeitet hat Günter Grass diese beiden Ereignisse in seinem Meisterwerk „Die Blechtrommel“.
„Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten“, geiferte Hitler in seiner Propagandarede weiter. 60 bis 70 Millionen Menschen mussten seine verbrecherische Kriegspolitik mit dem Leben bezahlen.
Ihrer gedenkt die Welt am 1. September zum 75. Jahrestag des Kriegsbeginns. Möge Geschichte sich nicht noch einmal in ähnlicher Weise wiederholen!
„Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“, schworen die Überlebenden des Zweiten Weltkriegs. Viele ihrer Kinder und Kindeskinder haben dieses aus bitterer Erfahrung geborene Versprechen imnzwischen offenbar ad Acta gelegt. An deutschen Waffen und Soldaten soll wohl wieder die Welt „genesen“.
Mein Vater erzälhte mir von der Zeit des Faschismus in Danzig. Günter Hanke war der Einzige an der ganzen Schule, der nicht in der Hitler-Jugend war. „Ich hätte ja gerne gewollt“, berichtete er ehrlich, „aber mein Vater hat es mir verboten.“
So fügte er sich ins Unvermeidliche und war schließlich auch stolz darauf, katholischer Pfadfinder zu sein. Nach Schulschluss kassierte er dafür Prügel von seinem Mitschüler, der die Hitler-Jugend anführte.
Mit 17 Jahren wurde mein Vater zur Musterung beordert. Auf zwei Krücken kam er damals dort an.
„Simulant!“ Ohne einen näheren Blick beorderte der Musterungsarzt ihn an die Front. Allerdings sei ein Widerspruch möglich und auch von Erfolg gekrönt gewesen, erzählte mein Vater.
Nicht einmal ein halbes Jahr musste er in der Schreibstube „an der Heimatfront“ Dienst tun, bevor die Russen kamen. Die russischen Offiziere behandelten ihn und meinen Großvater sehr gut. Dennoch blieben auch meinem Vater schlimme Kriegserlebnisse nicht gänzlich erspart.
Selber habe er mitangesehen, wie ein britischer Jagdflieger einen Flchtlingstreck unter Maschinengewehrfeuer nahm. Den Piloten und sein Gesicht habe er erkennen können, berichtete mein Vater. Der Pilot hätte sehen müssen, dass er auf unbewaffnete Frauen und kleine Kinder schoss.
Kriegsverbrechen hätten Amerikaner, Briten und Russen begangen, stellte mein Vater fest. Die schlimmsten Verbrechen aber hätten Deutsche verübt, fügte er dann immer sofort hinzu.
Mein Großvater mütterlicherseits erlebte die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs in Rheinbach. Als die Aliierten näherrückten, brachte Josef Esser seine 14-köpfige Familie angesichts der erbitterten Kämpfe um die Stadt im Rheinland in umliegenden Dörfern in Sicherheit. Eine Tochter hatte er schon bei einem Bombenangriff auf das Rheinbacher Postamt verloren.
Nachdem der Krieg weitergezogen war, kehrte die Familie meiner Mutter nach Rheinbach zurück. Doch der Nazi-Bürgermeister verweigerte ihr die Rückkehr in die eigene Wohnung, in die er zwischenzeitlich ausgebombte Nazi-Familien einquartiert hatte.
„Mit Euerer feigen Flucht habt Ihr Euer Heimatrecht verwirkt“, soll er zu meinem Großvater gesagt haben. Als Unterkunft angewiesen wurden der Familie nun zwei Zimmer in der Burgruine. Das Turmzimmer im Hexenturm war feucht und nicht beheizbar.
Zwölf eigene Kinder und ein fremdes Pflegekind hat meine Großmutter in Rheinbach durch den Krieg und die Hungerjahre danach hindurchgefüttert. Eine Tochter hat sie beim Bombenkrieg verloren. Gestorben ist Kunigunde Esser nach dem Ende der Notzeiten schließlich an den Folgen der eigenen Unterernährung, weil sie fast alle Nahrung ihren Kindern gegeben hatte.
Meine beiden Großväter und mein Vater haben sich immer gegen jede Form von Faschismus und Krieg gewandt. /Zwei Weltkriege haben meine Großväter erlebt und durchlitten; sie wussten, was Krieg ist.
Wer heutzutage mit Waffen und Soldaten als Mittel der Politik liebäugelt, der verhöhnt damit die Opfer zweier Weltkriege wie auch der vielen anderen militärischen Konflikte weltweit. Nicht mehr Waffen braucht die Welt, sondern weniger.

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Ein Kommentar zu “Sturm auf die Westerplatte: 75 Jahre nach dem Beginn des 2. Weltkriegs in Danzig

  1. Ein toller Beitrag zur deutschen Geschichte.Ich glaube, unsere Generation kennt noch diese Erzählungen der Großeltern genau.Unsere Kinder aber, sind wohl an diesen Erinnerungen nicht mehr interessiert.Nur so ist es zu erklären, das eine derart aggressive Tonart in der deutschen Außenpolitik und in den konservativen Medien wieder möglich ist.Keiner sagt stop, erinnert Euch, denkt an die Schwüre unserer Großeltern 1945. Die hatten sich wohl mit der Militarisierung der beiden deutschen Staaten und die Blockteilnahme sehr kurz nach Kriegsende erledigt.
    Die Erinnerungen wurden aber gerade in meiner Jugend (60iger und 70igerJahre) wenigstens noch gepflegt. Nun denken die Deutschen wieder, daß sie der Welt etwas beweisen müssen., sei es nun durch Waffenlieferungen oder eine großspurige Außenpolitik. Unser Bundespräsident hält eine peinliche Rede nach der anderen und
    Angela Merkel gibt die Führerin Europas. Wo bleibt die Demut vor der Geschichte, wo bleiben die historischen Erfahrungen und wo bleibt der Anstand ? Leider alles weg. Erschütternd, wie wenige Journalisten sich der historischen Verantwortung stellen und derzeit Waffenlieferungen und politische Drohgebärden befeuern.
    Mir wird Angst um dieses Land und ihre Menschen.
    Ronald Wolf

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