Bei Online kein Muss: Schluss mit dem Redaktionsschluss

„Eile mit Weile“, sagt ein schwäbisches Sprichwort beschwichtigend. Im Journalismus hingegen verhilft Eile häufig zu den höheren Weihen. „Erster Sein“ ist im Wettbewerb um Einschaltquoten und Klicks für viele wichtiger als die korrekte Berichterstattung.
Der gute alte Redaktionsschluss hat ausgedient. Das gilt zumindest für Onlinemedien und alle diejenigen Darreichungsformen von Journalismus, wo laufend Aktualisierungen möglich sind.
Bei der Zeitung oder Zeitschrift steht er noch unverbrüchlich im Raum: Irgendwann müssen die Texte fertig geschrieben, redigiert, gesetzt und layoutet sein, um dann in den Druck zu gehen. Da beißt die Maus kein Faden ab.
Im Fernsehen oder Radio kann man zumindest nach dem Ende des gerade laufenden Beitrags mit Neuigkeiten auf Sendung gehen. Bei Onlinemedien kann die Neuigkeit hingegen sofort ins Netz, sobald der Text fertig ist.
Bei Onlinezeitungen macht es auch wenig Sinn, Texte zu sammeln und zu einem bestimmten Zeitpunkt freizuschalten. Sinnvoll ist vielmehr, alles dannn zu veröffentlichen, wennn es fertig ist.
Selbstverständlich kannn man auch hier Texte auf Termin vorlegen und dementsprechend freischalten. Aber ein bestimmter Redaktionsschluss und ein festgelegter Zeitpunkt der Veröffentlichung folgen im Onlinemedium zumindest keiner technisch vorgegebenen Logik.
Eine Einschränkung indes relativiert diese Aussage: Die Arbeitszeiten der Redakteure geben einen bestimmten Rahmen vor, innerhalb dessen Veröffentlichungen zu erwarten sind. Die ersten Arbeitsergebnisse werden mit einem gewissen Zeitverzug nach Arbeitsbeginn und die letzten in der Regel kurz vor Arbeitsschluss zu erwarten sein.
Da die Leser nachts schlafen, ist eine Veröffentlichung zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens auch wenig sinnvoll. Wer sollte das dann lesen?
Die regelmäßige Praxis der Redaktionsarbeit bildet am Ende einen Zeitrahmen, innerhalb dessen üblicherweise Texte erscheinen. Die Erwartungshaltung der Leserschaft richtet sich am Ende nach dieser Praxis aus.
Diesen Rahmen sollte die Redaktion respektieren und nur in Ausnahmefällen außer Acht lassen. Selbstverständlich ist es sinnvoll, über herausragende Ereignisse auch mitten in der Nacht zu berichten. Aber das sollte die Ausnahme sein, die dann deswegen auch Aufmerksamkeit heischt.
Die Regel jedoch ist die journalistische Von-der-Hand-in-den-Mund-Produktion: Was fertig ist, wandert ins Content-Management-System (CMS) und wird freigeschaltet. Text für Text erscheint so im Laufe des Tages auf der Website.
Wünschenswert ist, wenn die Onlinezeitung die Zeit des jüngsten Uploads angibt. Dann können sich die Leser leicht orientieren, ob es aktuelle Neuigkeiten gibt. Gute Apps für Handys und andere Mobilgeräte zeigen das in der Regel auch an.
Letztlich folgt die Arbeit in der Onlineredaktion einem anderen Zeitregime als die beim Printprodukt. Der Druck kulminiert nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Redaktionsschluss, sondern manifestiert sich bei jedem einzelnen Text in dessen zügiger Bearbeitung.
Dieser Druck muss jedoch nicht zu groß werden. Onlineredakteure können schließlich auch bereits veröffentlichte Texte noch einmal berichtigen, nachredigieren oder ergänzen und aktualisieren.
Mit dieser Möglichkeit sollten sie aber ausgesprochen vorsichtig umgehen, da die Leserschaft einen bereits veröffentlichten Text in der Regel nicht zweimal anklickt. Allerdings erleichtert es das schnelle Veröffentlichen aktueller Eilmeldungen, wenn sie nachträglich immer weiter verfeinert werden. Fehlerhaft sein dürfen sie jedoch nicht, weil das das Image des Mediums massiv schädigen würde.
Die nachträgliche Bearbeitung bereits veröffentlichter Texte birgt auch immer die Gefahr einer Verunsicherung der Leserschaft. Deren Erwartungen entsprechen hier meist nämlich noch denen an eine klassische Zeitung: Der Text steht schwarz auf Weiß da; und so ist es.

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