Durchbruch: Den Mauerfall habe ich im Krankenhaus erlebt

Den 9. November 1989 habe ich im Krankenhaus verbracht. Mit einer akuten Blinddarmentzündung war ich wenige Tage vorher dort eingeliefert worden. Doch statt des befürchteten Blinddarmdurchbruchs gab es dann den lange ersehnten Durchbruch bei der deutschen Wiedervereinigung.
Mit drei anderen Patienten lag ich gemeinsam in einem Vier-Bett-Zimmer des Diakonie-Krankenhauses Wehrda. Mein Bettnachbar war genauso stark an den politischen Ereignissen interessiert wie ich, wenngleich seine Ansichten wohl eher konservativ-christlich geprägt waren.
Tag für Tag verfolgten wir das Radio- und Fernsehprogramm. Angesichts der gerade erst überwundenen Operationen hatten wir ja nichts Anderes zu tun.
Von tag zu Tag wurden die Berichte aber interessanter. Nachdem Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon der bundesdeutschen Botschaft in Prag den berühmten Halbsatz „Ich bin gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise …“ gesagt hatte, lag die Veränderung greifbar in der Luft.
Dennoch blieb mir und meinem Bettnachbarn am Abend des 9. November 1989 die Spucke weg. In den Heute-Nachrichten um 19 Uhr hörten wir die Antwort von Günter Schabowski auf die Frage, wann die neue Reiseregelung in Kraft treten wird: „Das tritt nach meiner Kenntnis. ist das sofort, unverzüglich.“
In der Tagesschau sahen wir die Szene noch einmal. Dann sahen wir den ganzen Abend über nur noch fern.
Wir sahen, wie sich Menschenmassen an Grenzübergängen sammelten und die freie Ausreise forderten. Wir hielten die Luft an. Würde es zu einem Massaker kommen?
Dann sahen wir, wie die Menschen massenweise die Grenze überquerten. Wir sahen, wie sie in den Westen strömten und wie sich dort wildfremde Menschen weinend in den Armen lagen.
Am Morgen des 10. November 1989 verfolgten wir das Geschehen weiter im Radio und im Fernsehen. Beinahe rund um die Uhr informierten wir uns über alle Kanäle.
Auch den DDR-Rundfunk hörten wir uns an. Von Tag zu Tag kippte dort die Stimmung immer mehr von vorsichtiger zu offener Kritik an den Verhältnissen in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).
Interessant war, wie die DDR-Radioreporter plötzlich Prominente als „bekannt für ihre kritischen Worte“ ausgaben und offenbar versuchten, die kritische Stimmung auf ein möglichst harmloses Gleis zu lenken. Gelungen ist ihnen das offensichtlich aber nicht.
Ich erinnere mich an die Bilder von Feiernden auf der Berliner Mauer. Walter Momper sang das Kinderlied „Auf der Mauer, auf der Lauer“.
Ausgelassen war die Stimmung. Überschwengliche Freude war überall. Fast mochte man nicht glauben, was Schabowski da mit einem kleinen Fehler unwillentlich Großes geleistet hatte.
Als ich dann aus dem Krankenhaus entlassen worden und wieder genesen war, spürte ich jedes Wochenende den spezifischen Geruch der Trabbis in meiner Nase, die zu Besuch nach Marburg kamen. Zweitakter hatte ich seit meiner Jugend sonst höchstens als Mopeds oder aber eben in der DDR gerochen.
Witze mit Bananen kursierten, weil die „Ossis“ alle Vorräte an Südfrüchten aufkauften. Allmählich pendelte sich der anfängliche Hype aber auf ein eher bescheidenes Maß ein, an das sich auch die anfängliche Freude nach und nach anglich.
20 Jahre später lauschte ich auf der Leipziger Buchmesse einer Lesung des einstigen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker. Er beschrieb, wie er –
ohne Bodyguards – am Abend des 9. November auf die Sektorengrenze zuging und von einem DDR-Grenzer mit „Herr Bundespräsident“ angesprochen und über die neue Reiseregelung informiert wurde. Diesen Mann wolle er doch gerne einmal wiedersehen, sagte Weizsäcker.
Heute bewege ich mich in Berlin, als habe es nie eine Mauer gegeben. Wenn ich am Bahnhof Friedrichstraße oder am Alexanderplatz bin, erinnere ich mich manchmal aber meines Unwohlseins bei meinen ersten Besuchen dort zu Zeiten der beängstigend überwachungsbeflissenen DDR.
Viele Erlebnisse und Erinnerungen werden wach mit diesem 9. November. Schade finde ich, dass nicht dieser Tag der deutsche Nationalfeiertag geworden ist sondern der 3. Oktober.
Meine Blinddarmoperation damals hatte übrigens noch eine unerwartete Komplikation: Am Freitag war ich operiert worden; am Sonntag sollte ich ein Ergebnis zum Erfolg des Eingriffs übermittelt bekommen. Die Auskunft ließjedoch zermürbend lange auf sich warten.
Schließlich erklärte mir der junge Assistenzarzt, die Wunde sei vereitert. Nun gebe es zwei Möglichkeiten: Entweder könne er mit einer kleinen Nadel die Bauchdecke durchstoßen und den Eiter absaugen, oder ich müsse mich noch einmal aufschneiden lassen.
Ich entschied mich für´s Absaugen. Der knifflige Durchstoß gelang, obwohl der junge Arzt ihn zum ersten Mal durchführte.
Ähnlich mag es auch mit dem Durchbruch bei der Wiedervereinigung sein. Allerdings ist leider vieles seither vereitert, was hätte vereitelt werden können. Die Einheit ist für viele mitunter eher eine Gemeinheit als ein Gewinn.

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