Hans-Joachim Koch und der Wert der Mundharmonika: Ein persönlicher Nachruf

Sein Geschenk war eher klein. Doch dessen Wert war wirklich groß. Mit der kleinen Mundharmonika verknüpfte er eine Geschichte, die sehr viel über ihn sagt.
Dr. Hans-Joachim Koch ist am Samstag (13. Dezember) gestorben. Er wurde 89 Jahre alt.

Kennengelernt habe ich ihn in der zweiten Hälfte der 80er Jahre. Damals hatte er seinen Dienst bei der Bayer AG quittiert und sich mit seiner zweiten Frau auf den Altersruhesitz in Gladenbach-Sinkershausen zurückgezogen.
Vorher war er jahrzehntelang Betriebsleiter einer Produktionsanlage von Bayer Leverkusen gewesen. Stolz vermerkte er, dass es während seiner Zeit in diesem Werk keine schwerwiegenden Arbeitsunfälle gegeben habe. Im Zuge der Debatten um eine Wiederbewaffnung Deutschlands schloss sich der Chemiker der Deutschen Friedens-Union (DFU) an. Die Militärpolitik unter Konrad Adenauer fand Koch brandgefährlich.
Enttäuscht musste er allerdings feststellen, dass die DFU bald von Personen unterwandert war, die eher Partei nahmen für die DDR. Diese Position wollte er allerdings auch nicht unterstützen.
1962 wurde Koch Mitglied der Humanistischen Union (HU). Damit gehört er zur Gründergeneration der Bürgerrechtsorganisation, die uns beide 25 Jahre später zueinander führte.
Koch war ein Freigeist und Humanist. Als gebürtiger Kölner besaß er aber auch viel rheinischen Mutterwitz.
Diskussionen über Philosophie waren sein wichtigstes Hobby. Gerne stritt er sich mit Bekannten über Friedrich Nietzsche und über indische Philosophie. Philosophisch war auch die Geschichte, die er mir zu der Mundharmonika erzählte, die er mir zu meinem 40. Geburtstag schenkte. Er hatte das kleine Musikinstrument mit einem Band verziert, an dem er es mir wie einen Orden um den Hals hängte.
In der Kriegsgefangenschaft habe er nichts besessen als eine Mundharmonika, erzählte er mir. Im gesamten Lager war er der einzige, der über ein Musikinstrument verfügte und auch darauf spielen konnte.
Viele traurige und bittere Stunden habe das Spiel auf der Mundharmonika ihm erleichtert. Viele Mitgefangene habe er damit getröstet. Selbst bei den Wärtern habe ihn die Mundharmonika beliebt gemacht.
Vielleicht habe sie ihm sogar das Leben gerettet, meinte er. Jedenfalls habe die Mundharmonika ihm und vielen anderen das Leben erleichtert. Das Gleiche wünschte er mir mit seinem Geschenk.
Seither liegt die Mundharmonika in einer Schachtel in meiner Schublade. Im Gegensatz zu Hans-Joachim kann ich sie leider nicht spielen. Aber si erinnert mich oft an ihn und seine weise Lebensfreude.
Eine langsam fortschreitende Krankheit hat ihn in den letzten Jahren schließlich völlig verstummen lassen. Zu Terminen der HU konnte er deswegen nicht mehr kommen. Bei meinem letzten Besuch in Sinkershausen konnte er auch kaum noch sprechen.
Doch die Mundharmonika spricht zu mir. Sie tönt warm und heiter in meinem Herzen und mahnt mich, Freude und Trost als Geschenk zu betrachten, das man mit anderen Menschen teilen sollte. Danke dafür, Hans-Joachim!

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Ein Kommentar zu “Hans-Joachim Koch und der Wert der Mundharmonika: Ein persönlicher Nachruf

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